15/10/2024
Madrid, die pulsierende Hauptstadt Spaniens, ist nicht nur für ihre beeindruckende Architektur, ihre lebendige Kultur und ihre berühmten Museen bekannt, sondern auch für ihr einzigartiges Stadtwappen. Dieses zeigt einen Bären, der sich an einen Erdbeerbaum lehnt. Doch warum gerade diese ungewöhnliche Kombination? Die Antwort führt uns zurück ins Mittelalter und enthüllt eine spannende Geschichte von Streitigkeiten, Symbolik und städtischer Identität.

Ursprünge im Mittelalter: Ein Streit und seine Lösung
Das heutige Stadtwappen von Madrid wurde zwar erst 1967 offiziell festgelegt, seine Wurzeln reichen jedoch bis ins 13. Jahrhundert zurück. Genauer gesagt, bis ins Jahr 1222. In dieser Zeit schwelte ein Konflikt zwischen dem Stadtrat von Madrid und dem städtischen Klerus. Bereits 20 Jahre zuvor, im Jahr 1202, hatte König Alfons VIII. von Kastilien der Stadt Madrid im sogenannten „Fuero de Madrid“ das Nutzungsrecht für ein Gebiet zwischen Madrid und der Sierra de Guadarrama zugestanden. Dies führte zu einem erbitterten Streit um die Nutzung der Weiden, Bäume und Jagdrechte in diesem Gebiet.
Nach zwei Jahrzehnten der Auseinandersetzung wurde 1222 eine Einigung erzielt. Diese besagte, dass die Stadt Madrid das Nutzungsrecht über die Bäume und das Jagdrecht erhalten sollte, während das Kirchenkapitel das Nutzungsrecht über die Weiden und Wiesen zugesprochen bekam. Um diese Übereinkunft zu besiegeln, wurden zwei Wappen geschaffen. Das Wappen der Stadt Madrid zeigte einen Baum und einen aufrecht stehenden, wehrhaften Bären. Das Wappen des Kirchenkapitels hingegen präsentierte einen friedlich schreitenden Bären auf einer grünen Wiese. Diese Unterscheidung sollte die unterschiedlichen Nutzungsrechte und die beigelegte Streitigkeit symbolisieren.
Der Bär und die Sterne: Himmlische Symbolik
Neben dem Bären und dem Baum finden sich im Madrider Wappen auch sieben Sterne in einem blauen Schildrand. Diese Sterne sind nicht zufällig gewählt, sondern verweisen auf das Sternbild Großer Wagen oder Großer Bär (Ursa Major). Dieses markante Sternbild besteht aus sieben Hauptsternen und diente als Inspiration für das tierische Symbol Madrids. Interessanterweise argumentieren einige, dass es sich eigentlich um eine Bärin handeln müsste, da das Sternbild im Lateinischen (Ursa major) und Spanischen (la osa) weiblich ist.
Die Verbindung des Sternbilds zum Wappen Madrids erklärt Juan López de Hoyos (1511–1583), ein Schriftsteller, Humanist und Lehrer von Cervantes, auf folgende Weise: Zur Zeit von König Alfons VI., als dieser auszog, um das Königreich Toledo zu erobern, sei Madrid die erste Stadt gewesen, die eingenommen wurde. Daher sollten die anderen Teile des Reiches Madrid wie einen Nordstern betrachten, in dessen Festung und Königspalast die Regierung sitzt. Die sieben Sterne im Wappen symbolisieren somit die führende Rolle Madrids innerhalb des Königreichs, vergleichbar mit der Orientierungsfunktion des Großen Wagens am Nachthimmel.

Obwohl für diese poetische Interpretation aus der Renaissancezeit ein direkter historischer Beleg fehlt, gibt es Berichte, die diese Symbolik untermauern. Es wird vermutet, dass die Madrider Truppen in den Feldzügen Alfonsos VIII. gegen das muslimische Fürstentum Murcia (1211) und gegen den almohadischen Kalifen Mohammed al-Nasir bei Las Navas de Tolosa (1212) Banner trugen, die einen schreitenden Braunbären mit sieben aufgenähten Sternen in Form des Großen Wagens zeigten. Dies deutet darauf hin, dass die Verbindung zwischen dem Bären, den Sternen und Madrid bereits im frühen 13. Jahrhundert existierte.
Der Erdbeerbaum: Ein Baum mit Namensähnlichkeit
Der Baum im Madrider Wappen wird als Erdbeerbaum (spanisch Madroño, botanisch Arbutus unedo) identifiziert. Die Wahl dieses Baumes wird oft mit der Namensähnlichkeit zu Madrid in Verbindung gebracht. Es ist jedoch historisch belegt, dass Erdbeerbäume im Gebiet von Madrid zu Beginn des 13. Jahrhunderts nicht in großen Beständen vorkamen. Auch das Wort „Madroño“ entstand erst später, um 1330, aus dem mozarabischen Wort „matrúnyu“.
Einige Historiker vermuten daher, dass es dem Wappenkünstler weniger um die genaue botanische Identifizierung des Baumes ging, sondern vielmehr um die visuelle Darstellung. Ein kleinerer Baum mit roten Früchten, die sich deutlich von der grünen Krone abheben, war wohl das primäre Ziel. Der Erdbeerbaum erfüllte diese Kriterien und bot zudem die willkommene Namensassoziation mit Madrid.
Die Entwicklung des Wappens im Laufe der Jahrhunderte
Das Madrider Wappen hat im Laufe der Jahrhunderte einige Veränderungen erfahren, die die wechselvolle Geschichte der Stadt widerspiegeln. Im Jahr 1544 verlieh Kaiser Karl I. der Stadt Madrid das Recht, eine offene Kaiserkrone im Wappen zu führen. Diese Krone wurde zunächst auf die Spitze des Baumes gesetzt, später jedoch über dem Wappenschild platziert. Zudem erhielt Madrid die Titel „gekrönte“ und „kaiserliche“ Stadt.

Im 17. Jahrhundert entstand im Zuge des Abrisses der Puerta Cerrada die Legende eines Drachen, der mit der Gründung Madrids in Verbindung gebracht wurde. König Philipp III. nutzte diesen Fund, um eine Gründungslegende zu konstruieren, die Madrid mit der Antike verknüpfte. Der Drache hielt sich für über 300 Jahre im städtischen Bewusstsein, fand aber keinen Eingang ins offizielle Wappen.
Nach der liberalen Verfassung von 1812 wurde 1842 ein neues Wappen eingeführt, das jedoch nur kurzlebig war. Es zeigte einen Greifen in Anlehnung an den Drachen und das bisherige Wappen. Während der Zweiten Spanischen Republik (1931-1939) verschwanden die königlichen Symbole und wurden durch eine Mauerkrone ersetzt. Nach dem Spanischen Bürgerkrieg kehrte die offene Königskrone zurück.
Im Jahr 1967 wurde schließlich das alte Wappen von 1222 in seiner ursprünglichen Form wiederhergestellt, mit geringfügigen Anpassungen in der Position der Sterne und der Anzahl ihrer Zacken. Somit kehrte Madrid zu seinen mittelalterlichen Wurzeln zurück und bekräftigte die Bedeutung von Bär und Baum als Symbole der Stadt.
Fazit: Mehr als nur ein Symbol
Das Madrider Wappen mit dem Bären am Erdbeerbaum ist weit mehr als nur ein dekoratives Emblem. Es ist ein Zeugnis der Stadtgeschichte, ein Symbol für die Beilegung von Konflikten und eine Verbindung zu himmlischen Konstellationen. Der Bär steht für Stärke und Wehrhaftigkeit, der Erdbeerbaum für die Verbundenheit mit dem Madrider Boden und die Sterne für die Orientierung und Führungsrolle der Stadt. Zusammen bilden sie ein einzigartiges und bedeutungsvolles Symbol, das die Identität Madrids bis heute prägt und die Frage beantwortet, warum ausgerechnet ein Bär zum Wappentier der spanischen Hauptstadt wurde.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Warum ist ein Bär im Wappen von Madrid?
- Der Bär symbolisiert Stärke und Wehrhaftigkeit und ist inspiriert vom Sternbild Großer Wagen. Die Wahl des Bären geht auf eine Übereinkunft aus dem Jahr 1222 zurück.
- Was bedeutet der Erdbeerbaum im Wappen?
- Der Erdbeerbaum (Madroño) wurde aufgrund der Namensähnlichkeit zu Madrid gewählt und steht für die Verbundenheit der Stadt mit ihrem Territorium. Zudem boten die roten Früchte einen visuellen Reiz im Wappen.
- Was bedeuten die sieben Sterne im Wappen?
- Die sieben Sterne repräsentieren das Sternbild Großer Wagen (Ursa Major) und symbolisieren die führende Rolle Madrids, vergleichbar mit der Orientierungsfunktion des Nordsterns.
- Ist es ein männlicher oder weiblicher Bär im Wappen?
- Es gibt keine offizielle Festlegung auf ein Geschlecht. Einige argumentieren für eine Bärin, da das Sternbild im Lateinischen und Spanischen weiblich ist.
- Hat sich das Wappen im Laufe der Zeit verändert?
- Ja, das Wappen hat im Laufe der Jahrhunderte Veränderungen erfahren, insbesondere durch die Hinzufügung von Kronen und während der Republik. 1967 wurde jedoch das ursprüngliche Wappen von 1222 weitgehend wiederhergestellt.
