08/06/2021
Die Tollkirsche, botanisch bekannt als Atropa belladonna, ist eine Pflanze von faszinierender Schönheit und erschreckender Giftigkeit. Trotz ihrer harmlosen Erscheinung und der verlockenden, dunklen Beeren, birgt sie eine ernste Gefahr, die besonders für Kinder lebensbedrohlich sein kann. Nicht umsonst wurde sie zur „Giftpflanze des Jahres“ gewählt und mahnt zur Vorsicht im Umgang mit dieser heimischen Nachtschattengewächs.

Was macht die Tollkirsche so giftig?
Die Tollkirsche verdankt ihre toxische Wirkung einer Gruppe von Substanzen, den Alkaloiden. Diese sind in allen Teilen der Pflanze enthalten, von der Wurzel bis zu den Beeren, wobei die Konzentration variieren kann. Die drei wichtigsten Alkaloide, die für die Vergiftungssymptome verantwortlich sind, sind:
- Atropin: Vor allem in den Beeren konzentriert, ist Atropin ein stark wirksames Alkaloid, das sowohl zentral als auch peripher im Körper wirkt.
- Hyoscyamin: Dieses Alkaloid ist hauptsächlich in den Blättern der Tollkirsche zu finden und ähnelt in seiner Wirkung dem Atropin.
- Scopolamin: Auch Scopolamin trägt zur Gesamttoxizität der Pflanze bei und verstärkt die verwirrenden und halluzinatorischen Effekte einer Tollkirschenvergiftung.
Wie wirkt das Gift der Tollkirsche im Körper?
Die Alkaloide der Tollkirsche haben eine komplexe Wirkung auf den menschlichen Körper. Sie beeinflussen das zentrale Nervensystem und das periphere Nervensystem auf unterschiedliche Weise. Zunächst wirken sie zentral erregend, was zu einer Vielzahl von Symptomen führen kann:
- Erregung und Unruhe: Betroffene können sich übermäßig aufgeregt und nervös fühlen.
- Euphorie: In manchen Fällen kann es zu einem Gefühl des Wohlbefindens und der Euphorie kommen, was die Gefährlichkeit der Situation verschleiern kann.
- Verwirrtheit: Die Denkfähigkeit und Orientierung werden beeinträchtigt, was zu Desorientierung und Realitätsverlust führen kann.
- Krämpfe: Schwere Vergiftungen können zu epileptischen Anfällen führen.
- Tobsuchtsanfälle: In extremen Fällen kann es zu aggressiven und unkontrollierten Verhaltensweisen kommen.
In späteren Stadien der Vergiftung schlägt die zentrale Erregung in eine periphere Lähmung um. Dies bedeutet, dass die Nervenimpulse nicht mehr richtig an die Muskeln weitergeleitet werden können, was zu folgenden Symptomen führt:
- Erweiterte Pupillen (Mydriasis): Dies ist eines der charakteristischsten Anzeichen einer Tollkirschenvergiftung. Die Pupillen reagieren nicht mehr auf Licht und bleiben starr erweitert.
- Mundtrockenheit: Die Speichelproduktion wird gehemmt, was zu starker Trockenheit im Mund führt.
- Schluckbeschwerden: Das Schlucken kann aufgrund der Lähmung der Rachenmuskulatur erschwert sein.
- Sehstörungen: Verschwommenes Sehen und Doppeltsehen können auftreten.
- Herzrasen (Tachykardie): Die Herzfrequenz kann stark ansteigen.
- Hautrötung: Die Haut kann gerötet und heiß werden.
- Harnverhalt: Das Wasserlassen kann erschwert oder unmöglich sein.
- Atemlähmung: Im schlimmsten Fall kann die Lähmung die Atemmuskulatur betreffen und zum Atemstillstand und damit zum Tod führen.
Die Schwere der Vergiftung und die auftretenden Symptome hängen stark von der aufgenommenen Dosis der Alkaloide ab. Bereits geringe Mengen können bei Kindern zu schweren Vergiftungen führen. Schätzungsweise reichen drei bis vier Beeren aus, um für ein Kind eine tödliche Dosis zu erreichen. Die Vergiftung verläuft oft dramatisch und kann innerhalb weniger Stunden zum Tod führen. Die Sterblichkeitsrate bei Tollkirschenvergiftungen wird auf etwa 10 Prozent geschätzt, was die Ernsthaftigkeit dieser Gefahr unterstreicht.
Warum sind Tollkirschenvergiftungen so häufig?
Mehrere Faktoren tragen dazu bei, dass die Tollkirsche in den Statistiken der Giftnotrufzentralen eine führende Rolle bei Pflanzenvergiftungen einnimmt:
- Verlockendes Aussehen: Die schwarzglänzenden Beeren der Tollkirsche sehen sehr appetitlich aus und ähneln essbaren Kirschen oder Heidelbeeren. Dies ist besonders für Kinder gefährlich, die sich leicht von den Früchten anlocken lassen.
- Angenehmer Geschmack: Im Gegensatz zu vielen anderen giftigen Pflanzen schmecken die Beeren der Tollkirsche nicht bitter. Dies verstärkt die Gefahr, dass Kinder größere Mengen davon essen, bevor sie den giftigen Charakter erkennen.
- Verbreitung in Gärten und Natur: Die Tollkirsche ist in vielen Teilen Europas heimisch und wächst auch in Gärten und Parks. Dadurch ist sie leicht zugänglich und die Gefahr einer unbeabsichtigten Begegnung und Vergiftung steigt.
Belladonna – „Schöne Frau“ und medizinische Verwendung
Der Zusatz „belladonna“ im botanischen Namen der Tollkirsche bedeutet „schöne Frau“ und hat einen interessanten historischen Hintergrund. Bereits in der Antike erkannten Frauen die pupillenerweiternde Wirkung des Tollkirschensaftes. Sie träufelten ihn sich in die Augen, um ihre Pupillen größer und glänzender erscheinen zu lassen, was als Schönheitsideal galt. Dieser kosmetische Gebrauch verlieh der Pflanze ihren Beinamen.
Der Gattungsname „Atropa“ hingegen stammt von der griechischen Schicksalsgöttin Atropos. In der griechischen Mythologie war Atropos eine der drei Moiren, die den Lebensfaden der Menschen spannen, messen und abschneiden. Atropos war dabei diejenige, die den Lebensfaden durchschnitt und somit den Tod bestimmte. Dieser Name unterstreicht die tödliche Gefahr, die von der Pflanze ausgeht.

Trotz ihrer Giftigkeit findet die Tollkirsche auch in der Medizin Verwendung. Belladonna-Extrakt, gewonnen aus den Blättern der Pflanze, wird in verschiedenen pharmazeutischen Präparaten eingesetzt:
- Augentropfen beim Augenarzt: Atropin-haltige Augentropfen werden verwendet, um die Pupillen vorübergehend zu erweitern. Dies erleichtert die Untersuchung des Augenhintergrundes.
- Homöopathische Mittel: In der Homöopathie wird Belladonna in verdünnter Form gegen verschiedene Beschwerden eingesetzt, beispielsweise bei Entzündungen, Fieber und krampfartigen Schmerzen.
„Giftpflanze des Jahres“ – Sensibilisierung für Pflanzengifte
Die Wahl der „Giftpflanze des Jahres“ wurde 2004 vom Botanischen Sondergarten Wandsbek ins Leben gerufen. Ziel dieser Aktion ist es nicht, Angst vor Pflanzen zu schüren, sondern vielmehr das Bewusstsein für die Giftigkeit von Pflanzen zu schärfen, die uns im Alltag begegnen können. Viele Menschen sind sich der potenziellen Gefahren von Pflanzen in Gärten, Parks und sogar in der Wohnung nicht bewusst. Die Aktion soll zu einem vorsichtigen und informierten Umgang mit Giftpflanzen anregen.
Jedes Jahr wird eine neue Giftpflanze des Jahres gewählt. Die Tollkirsche erhielt diese Auszeichnung im Jahr 2005. Weitere „Gewinner“ der letzten Jahre waren:
| Jahr | Giftpflanze des Jahres |
|---|---|
| 2019 | Der Aronstab |
| 2018 | Der Rizinus |
| 2017 | Das Tränende Herz |
| 2016 | Kalifornischer Mohn |
| 2015 | Der Rittersporn |
| 2014 | Das Maiglöckchen |
| 2013 | Der Kirschlorbeer |
| 2012 | Der Goldregen |
| 2011 | Die Eibe |
| 2010 | Die Herbstzeitlose |
Fazit
Die Tollkirsche ist eine faszinierende, aber hochgiftige Pflanze, deren Gefahren man sich bewusst sein sollte. Besonders für Familien mit Kindern ist es wichtig, die Tollkirsche zu erkennen und Kinder über die Risiken aufzuklären. Durch Wissen und Vorsicht können Vergiftungen vermieden werden und die dunkle Schönheit dieser Pflanze kann aus sicherer Distanz betrachtet werden. Die Wahl zur „Giftpflanze des Jahres“ trägt dazu bei, das Bewusstsein für die Gefahren von Giftpflanzen zu erhöhen und zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur aufzurufen.
