06/11/2024
„Rosen sind rot, Veilchen sind blau, Zucker ist süß, und du bist es auch.“ Dieser einfache, einprägsame Reim ist weltweit bekannt, besonders zum Valentinstag. Aber woher stammt dieses Sprichwort eigentlich? In diesem Artikel begeben wir uns auf eine Reise durch die Literaturgeschichte, um die Ursprünge dieses beliebten Liebesverses zu erkunden und seine Entwicklung bis zum heutigen Tag zu verfolgen.

- Die frühen Ursprünge: Poesie und Farbe
- „Gammer Gurton's Garland“ und die Annäherung an den modernen Reim
- Rosen sind rot in der Literatur des 19. Jahrhunderts: Victor Hugo und „Les Misérables“
- Die Entwicklung zum Klischee und humorvolle Variationen
- Fazit: Ein Reim mit langer Geschichte
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Die frühen Ursprünge: Poesie und Farbe
Obwohl die genaue Entstehung des Reims schwer zu datieren ist, finden sich Vorläufer in der englischen Literatur, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen. Ein bemerkenswertes Beispiel ist Edmund Spensers episches Werk „The Faerie Queene“ aus dem Jahr 1590. In diesem umfangreichen Gedicht findet sich eine Passage, die bereits die Kombination von roten Rosen und blauen Veilchen in einem poetischen Kontext verwendet:
It was upon a Sommers shynie day,
When Titan faire his beames did display,
In a fresh fountaine, farre from all mens vew,
She bath'd her brest, the boyling heat t'allay;
She bath'd with roses red, and violets blue,
And all the sweetest flowres, that in the forrest grew.
Auf Deutsch:
Es war an einem sonnigen Sommertag,
Als Titan [die Sonne] seine Strahlen zeigte,
In einem frischen Brunnen, fern von aller Menschen Blick,
Badete sie ihre Brust, um die siedende Hitze zu lindern;
Sie badete mit roten Rosen und blauen Veilchen,
Und all den süßesten Blumen, die im Wald wuchsen.
Spensers Verse zeigen, dass die Verbindung von roten Rosen und blauen Veilchen als poetisches Bild bereits im späten 16. Jahrhundert existierte und wahrscheinlich mit Schönheit und Anmut assoziiert wurde. Obwohl Spensers Werk komplex und allegorisch ist, etablierte er die farbliche Paarung, die später im Kinderreim wieder auftauchen sollte.
„Gammer Gurton's Garland“ und die Annäherung an den modernen Reim
Ein weiterer wichtiger Schritt in der Entwicklung des Reims „Rosen sind rot“ findet sich in „Gammer Gurton's Garland“, einer Sammlung englischer Kinderreime, die 1784 in London von Joseph Johnson veröffentlicht wurde. Diese Sammlung enthält eine Version, die dem modernen Standardreim schon sehr nahekommt:
The rose is red, the violet's blue,
The honey's sweet, and so are you.
Thou are my love and I am thine;
I drew thee to my Valentine:
The lot was cast and then I drew,
And Fortune said it shou'd be you.
Auf Deutsch:
Die Rose ist rot, das Veilchen ist blau,
Der Honig ist süß, und du bist es auch.
Du bist meine Liebe und ich bin dein;
Ich zog dich zu meinem Valentin:
Das Los wurde geworfen und dann zog ich,
Und das Glück sagte, du sollst es sein.
Diese Version aus „Gammer Gurton's Garland“ ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Sie enthält nicht nur die ersten beiden Zeilen des modernen Reims in fast identischer Form („The rose is red, the violet's blue“), sondern fügt auch die Zeile „The honey's sweet, and so are you“ hinzu, die später zu „Sugar is sweet, and so are you“ abgewandelt wurde. Darüber hinaus erweitert diese Version den Reim um weitere Verse, die den Valentinstag und das Losziehen einbeziehen, was auf einen spielerischen oder traditionellen Kontext hindeutet.
Rosen sind rot in der Literatur des 19. Jahrhunderts: Victor Hugo und „Les Misérables“
Im 19. Jahrhundert finden wir weitere interessante Beispiele für die Verwendung von roten Rosen und blauen Veilchen in der Literatur, die möglicherweise zur Popularisierung des Reims beigetragen haben. Ein unerwarteter Ort, an dem dieser Reim auftaucht, ist Victor Hugos berühmter Roman „Les Misérables“ aus dem Jahr 1862. In diesem Werk singt die Figur Fantine ein Lied, das folgenden Refrain enthält:
Les bleuets sont bleus, les roses sont roses,
Les bleuets sont bleus, j'aime mes amours.
Auf Deutsch:
Die Kornblumen sind blau, die Rosen sind rosa,
Die Kornblumen sind blau, ich liebe meine Lieben.
Interessanterweise wurde dieser Refrain in der englischen Übersetzung von Charles Edwin Wilbour, die im selben Jahr wie das Original veröffentlicht wurde, folgendermaßen wiedergegeben:
Violets are blue, roses are red,
Violets are blue, I love my loves.
Hier sehen wir eine signifikante Veränderung. Wilbour ersetzte die ursprünglichen Kornblumen („bleuets“) durch Veilchen und machte die Rosen rot statt rosa. Diese Übersetzung brachte das Lied von Fantine inhaltlich und rhythmisch noch näher an den englischen Kinderreim „Rosen sind rot“ heran. Es ist möglich, dass Wilbour mit dem englischen Reim vertraut war und ihn bewusst oder unbewusst in seine Übersetzung einfließen ließ.
Die Entwicklung zum Klischee und humorvolle Variationen
Im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts entwickelte sich der Reim „Rosen sind rot, Veilchen sind blau“ zu einem echten Klischee, insbesondere im Zusammenhang mit dem Valentinstag. Er wurde zum Inbegriff für kitschige Liebesbekundungen und findet sich auf Grußkarten, in Gedichten und in der Populärkultur in unzähligen Variationen.
Gerade weil der Reim so bekannt und abgedroschen ist, wurde er auch häufig für humorvolle und parodistische Zwecke verwendet. Es gibt unzählige Varianten, die den Reim abwandeln, um ihn witzig, ironisch oder sogar zynisch zu gestalten. Einige Beispiele für solche Variationen sind:
- „Roses are red, violets are blue, I'm schizophrenic, and so am I.“ (Spielt mit der doppelten Bedeutung von „I“.)
- „Roses are red, violets are blue, poems are hard, let's go for a brew.“ (Selbstironisch und unromantisch.)
- „Roses are red, violets are blue, sugar is sweet, and lemons are too.“ (Bricht mit der Erwartung des „you“ und fügt eine unerwartete Wendung hinzu.)
Diese humorvollen Abwandlungen zeigen, dass der Reim „Rosen sind rot“ zwar ein Klischee geworden ist, aber gleichzeitig auch eine kulturelle Referenz darstellt, die jeder versteht und mit der man spielen kann.
Fazit: Ein Reim mit langer Geschichte
Das Sprichwort „Rosen sind rot, Veilchen sind blau“ hat eine lange und interessante Geschichte, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Von den poetischen Bildern in Edmund Spensers „The Faerie Queene“ über die kindgerechte Version in „Gammer Gurton's Garland“ bis hin zur literarischen Adaption in Victor Hugos „Les Misérables“ – der Reim hat sich im Laufe der Zeit entwickelt und verschiedene Formen angenommen. Heute ist er vor allem als Valentinstags-Klischee bekannt, wird aber auch gerne humorvoll abgewandelt und parodiert. Trotz seiner Einfachheit und seines abgedroschenen Charakters bleibt „Rosen sind rot, Veilchen sind blau“ ein faszinierendes Beispiel für die Langlebigkeit und Wandlungsfähigkeit von Sprache und Kultur.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Woher stammt der Reim „Rosen sind rot, Veilchen sind blau“?
- Der Reim hat seine Ursprünge in der englischen Literatur und lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Eine frühe Erwähnung findet sich in Edmund Spensers „The Faerie Queene“ (1590). Eine Version, die dem modernen Reim sehr nahekommt, findet sich in „Gammer Gurton's Garland“ (1784).
- Warum sind Rosen rot und Veilchen blau?
- Die Farbkombination Rot und Blau hat eine lange Tradition in der Poesie und Symbolik. Rote Rosen werden traditionell mit Liebe und Leidenschaft assoziiert, während blaue Veilchen oft für Treue und Bescheidenheit stehen. Die Kombination der beiden Farben könnte daher als Ausdruck einer umfassenden Liebesbotschaft interpretiert werden.
- Ist der Reim „Rosen sind rot“ ein Klischee?
- Ja, im Laufe der Zeit hat sich der Reim zu einem echten Klischee entwickelt, insbesondere im Zusammenhang mit dem Valentinstag. Er wird oft als kitschig oder abgedroschen wahrgenommen, was aber auch zu seiner humorvollen und parodistischen Verwendung geführt hat.
- Gibt es Variationen des Reims „Rosen sind rot“?
- Ja, es gibt unzählige humorvolle und parodistische Variationen des Reims. Diese spielen oft mit der Erwartung des Lesers und brechen mit dem romantischen oder kitschigen Charakter des Originals.
