17/12/2024
Wer denkt schon beim Anblick einer blühenden Pflanze an unangenehme Gerüche? Die Natur ist doch voller Düfte, die uns betören und erfreuen. Doch es gibt eine überraschende Kehrseite: Pflanzen, die nicht nach Rosen oder Lavendel, sondern nach weitaus weniger Angenehmem riechen. Ja, es existieren Gewächse, deren Duftnote an Urin, Verwesung oder gar Fäkalien erinnert. Bevor Sie nun angewidert das Gesicht verziehen, lesen Sie weiter und entdecken Sie die faszinierende und manchmal etwas bizarre Welt der übelriechenden Pflanzen.

Wenn der Garten zur Geruchsbelästigung wird: Pflanzen mit Urin-Duft
Stellen Sie sich vor, Sie spazieren durch eine Allee oder einen Park im Frühling, die Bäume blühen in voller Pracht, doch statt des erwarteten süßlichen Blumenduftes steigt Ihnen ein stechender Geruch in die Nase, der unverkennbar an Katzenurin erinnert. Was ist da los? Die Antwort könnte in den Bäumen selbst liegen. Die Bradford-Birne (Pyrus calleryana ‘Bradford’), ein beliebter Straßenbaum, ist bekannt für ihre üppige, weiße Blütenpracht im Frühjahr. Doch diese Schönheit trügt, denn ihre Blüten verströmen einen Geruch, der von vielen als unangenehm empfunden wird und eben an Katzenurin erinnert. Manche beschreiben den Geruch sogar eher als nach verrottendem Fisch oder Aas. Sie ist damit nicht allein. Auch die Amerikanische Eberesche (Sorbus americana) und der Hagedorn (Crataegus) teilen dieses olfaktorische Schicksal.
Besonders interessant ist der Fall des Hagedorns. Sein Geruch wurde im Mittelalter sogar mit der Pest in Verbindung gebracht, da er dem Geruch frisch Verstorbener ähnelte. Eine makabre Vorstellung, die zeigt, wie stark Gerüche unsere Wahrnehmung und sogar unsere Geschichte beeinflussen können.
Auch bei einigen Buchsbaumarten, insbesondere der englischen Variante, kann man den typischen Katzenuringeruch wahrnehmen. Und es sind nicht nur Bäume und Sträucher, die uns mit unerwarteten Düften überraschen. Die Blüten der Shasta-Gänseblümchen (Leucanthemum × superbum) und der Papierweißen Narzisse (Narcissus papyraceus) können ebenfalls eine urinartige Note aufweisen. Selbst abgebrochene oder angeriebene Zweige der Wandelröschen (Lantana) können diesen Geruch verströmen.
Nicht nur Urin: Ein Potpourri übler Gerüche
Doch der Geruch nach Urin ist nur eine Facette im Spektrum übler Pflanzendüfte. Manche Pflanzen übertreffen dies noch an Intensität und Ekelhaftigkeit. Der Stink-Sumfporst (Symplocarpus foetidus) aus Nordamerika, der Kaiserkronen (Fritillaria imperialis), der Strauch Eugenia axillaris und ältere Sorten der Spinnenblume (Cleome) sind für ihren skunkartigen Geruch bekannt. Neuere Züchtungen der Spinnenblume wurden jedoch gezielt so gezüchtet, dass dieser Geruch nicht mehr auftritt, was zeigt, dass auch bei Pflanzenzüchtungen der olfaktorische Aspekt eine Rolle spielt.

Wer es noch intensiver mag, sollte sich mit dem Geruch von Verwesung anfreunden. Dieser Duftcharakteristik findet sich bei der Rafflesia arnoldii, der größten Blüte der Welt, die auch als Leichenblume bekannt ist, sowie beim Stinkenden Schwertlilie (Iris foetidissima), der Ananaslilie (Eucomis comosa), den Blüten und Blättern der Pfeifenwinden und den Blüten der Drachenwurz (Dracunculus vulgaris) in den ersten 24 Stunden ihrer Blüte. Diese Pflanzen setzen auf extreme Duftstoffe, um bestimmte Bestäuber anzulocken.
Warum stinken Pflanzen überhaupt?
Die Frage drängt sich natürlich auf: Warum entwickeln Pflanzen überhaupt solche unangenehmen Gerüche? Die Antwort liegt in der Evolution und der Bestäubung. Blütenpflanzen sind auf Bestäuber angewiesen, um sich fortzupflanzen. Während viele Pflanzen auf süße Düfte und leuchtende Farben setzen, um Bienen, Schmetterlinge und andere angenehme Besucher anzulocken, verfolgen einige Pflanzen eine andere Strategie. Sie setzen auf Gestank, um spezielle Bestäuber anzuziehen, die von solchen Gerüchen angezogen werden. Dazu gehören beispielsweise Fliegen, Käfer oder sogar Aaskäfer.
Die üblen Gerüche sind das Ergebnis bestimmter chemischer Verbindungen, die von den Pflanzen produziert werden. Interessanterweise teilen viele der stinkenden Pflanzen chemische Moleküle mit den Gerüchen, nach denen sie riechen. So enthalten Pflanzen, die nach Urin riechen, oft Amine oder Ammoniak-ähnliche Verbindungen. Pflanzen, die nach Verwesung riechen, produzieren oft Schwefelverbindungen, die auch in verwesendem Fleisch vorkommen.
Unerwartete Duftnoten: Von Marihuana bis Hundekot
Neben Urin und Verwesung gibt es noch eine Vielzahl anderer unerwarteter und manchmal kurioser Pflanzengerüche. Das Kriechende Phlox (Phlox subulata) soll nach Marihuana riechen. Die Blüten des Strand-Mannstreu (Eryngium maritimum) erinnern an Hundekot. Die Wurzeln des Echten Baldrians (Valeriana officinalis) verströmen einen Geruch nach schmutzigen Socken. Und zerriebene Blätter der Stechapfel (Datura) riechen nach ranziger Erdnussbutter. Selbst Ringelblumenblätter haben einen recht intensiven, wenn auch nicht unbedingt unangenehmen Geruch. Interessanterweise versuchte eine Saatgutfirma, diesen Geruch wegzuzüchten, doch die Gärtner waren enttäuscht und kauften die geruchlosen Ringelblumen nicht. Sie wollten den gewohnten, erwarteten Geruch!
Fazit: Die stinkende Seite der Pflanzenwelt ist faszinierend
Die Welt der Pflanzen ist voller Überraschungen, und dazu gehören auch die unerwarteten und manchmal unangenehmen Gerüche, die manche Gewächse verströmen. Ob Urin, Verwesung oder Hundekot – die olfaktorische Vielfalt ist erstaunlich. Diese Gerüche sind nicht nur kurios, sondern haben auch eine wichtige Funktion im Ökosystem der Pflanzen, insbesondere bei der Bestäubung. Wer sich tiefer in die wissenschaftlichen Hintergründe von Gerüchen einlesen möchte, dem sei das Buch „Nose Dive: A Field Guide to the World's Smells“ von Harold McGee empfohlen. Es taucht auf unterhaltsame und informative Weise in die Wissenschaft der Gerüche ein und beleuchtet die faszinierende Welt der olfaktorischen Wahrnehmung.
