25/06/2021
Sie sind ein begeisterter Orchideenliebhaber und möchten Ihre Sammlung auf natürliche Weise erweitern? Oder vielleicht möchten Sie einfach das Glück der Orchideenvermehrung erleben und einen Ableger Ihrer prächtigen Pflanze an Freunde oder Familie verschenken? Die Vermehrung von Orchideen mag zunächst komplex erscheinen, ist aber mit der richtigen Methode und etwas Geduld durchaus machbar. Eine besonders lohnende und vergleichsweise einfache Methode ist die Vermehrung über sogenannte Ableger, in der Orchideenszene auch liebevoll Kindel oder Keiki genannt. In diesem umfassenden Ratgeber zeigen wir Ihnen detailliert, wie Sie diese faszinierenden Orchideen-Ableger erkennen, erfolgreich von der Mutterpflanze trennen und zu eigenständigen, blühfreudigen Orchideen heranziehen können.

Was genau ist ein Orchideen-Ableger (Kindel/Keiki)?
Bevor wir uns der Erkennung und Vermehrung widmen, ist es wichtig zu verstehen, was ein Kindel eigentlich ist. Stellen Sie sich einen Kindel als eine Art „Mini-Orchidee“ vor, die direkt an der Mutterpflanze wächst. Es handelt sich um einen Seitentrieb, der an Stellen entsteht, an denen man normalerweise Blüten erwarten würde. Bei der beliebten Phalaenopsis-Orchidee, auch bekannt als Schmetterlingsorchidee, bilden sich Kindel häufig am Blütenstiel. Bei anderen Orchideenarten, wie beispielsweise Dendrobium oder Epidendrum, können Kindel auch an den sogenannten Bulben, den verdickten Sprossachsen, entstehen. Ein Kindel ist im Wesentlichen ein klon der Mutterpflanze, genetisch identisch und mit dem Potenzial, zu einer vollständigen, eigenständigen Orchidee heranzuwachsen. Die Natur hat hier einen cleveren Weg geschaffen, um die Pflanze vegetativ zu vermehren.
Wie erkenne ich einen Orchideen-Ableger (Kindel)?
Die freudige Entdeckung eines Kindels an Ihrer Orchidee ist oft ein Zeichen für optimale Pflegebedingungen und eine gesunde Pflanze. Doch wie erkennen Sie einen Kindel zuverlässig und unterscheiden ihn von anderen Seitentrieben oder Luftwurzeln? Achten Sie auf folgende charakteristische Merkmale:
- Blätter: Ein Kindel entwickelt, im Gegensatz zu einer Luftwurzel, kleine, deutlich erkennbare grüne Blätter. Diese Blätter ähneln Miniaturversionen der Blätter der Mutterpflanze. Sie sind ein klares Indiz dafür, dass es sich um einen Ableger und nicht um eine reine Wurzel handelt.
- Wurzeln: Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal sind die eigenen Wurzeln. Ein Kindel bildet, um eigenständig überleben zu können, eigene Luftwurzeln aus. Diese Wurzeln sind meist zunächst weißlich und werden später grünlich. Sie sind essentiell, damit der Ableger nach dem Abtrennen Nährstoffe und Wasser aufnehmen kann. Achten Sie darauf, dass der Kindel mehrere, mindestens einige Zentimeter lange Wurzeln entwickelt hat, bevor Sie ihn von der Mutterpflanze trennen.
- Position: Wie bereits erwähnt, wachsen Kindel bei Phalaenopsis-Orchideen typischerweise am Blütenstiel, oft in der Nähe eines Nodiums (Knotenpunkt). Bei anderen Orchideenarten können sie an den Bulben oder auch an anderen Stellen der Pflanze erscheinen. Die Position kann Ihnen einen ersten Hinweis geben, ob es sich um einen Kindel handeln könnte.
- Form und Wachstum: Ein Kindel wächst in der Regel kompakt und gedrungen. Es wirkt wie eine kleine, vollständige Pflanze, die an der Mutterpflanze „angehängt“ ist. Beobachten Sie das Wachstum des vermeintlichen Kindels über einige Wochen. Wenn es kontinuierlich Blätter und Wurzeln entwickelt, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Ableger.
Vegetative vs. Generative Vermehrung: Ein Vergleich
Um die Bedeutung der Vermehrung durch Kindel besser zu verstehen, ist es hilfreich, die zwei Hauptmethoden der Orchideenvermehrung zu vergleichen: die vegetative und die generative Vermehrung.
| Merkmal | Vegetative Vermehrung (Kindel) | Generative Vermehrung (Samen) |
|---|---|---|
| Methode | Nutzung von Ablegern (Kindel) der Mutterpflanze. | Vermehrung über Orchideensamen. |
| Komplexität | Vergleichsweise einfach und gut für Hobbygärtner geeignet. | Sehr komplex und zeitaufwendig, erfordert spezielle Kenntnisse und oft Laborbedingungen. |
| Zeitaufwand | Relativ schnell. Kindel benötigen Zeit zum Wachsen, aber die Aufzucht neuer Pflanzen geht zügig. | Sehr langwierig. Von der Aussaat bis zur blühfähigen Pflanze können Jahre, oft bis zu 10 Jahre vergehen. |
| Genetische Identität | Die neuen Pflanzen sind genetisch identisch mit der Mutterpflanze (Klone). Sortenechte Vermehrung. | Die neuen Pflanzen sind genetisch unterschiedlich zur Mutterpflanze und zueinander. Ermöglicht die Züchtung neuer Sorten, aber Nachkommen können variieren. |
| Erfolgsrate für Hobbygärtner | Hoch, besonders bei Orchideenarten, die Kindel bilden. | Sehr niedrig ohne professionelle Ausrüstung und Erfahrung. Die Aufzucht von Orchideen aus Samen ist eine Domäne spezialisierter Züchter. |
| Geeignet für | Hobbygärtner, die ihre bestehende Orchideensammlung erweitern möchten und sortenreine Pflanzen bevorzugen. Funktioniert gut bei Phalaenopsis, Dendrobium, Epidendrum, Calanthe und einigen anderen Arten. | Professionelle Orchideenzüchter, die neue Sorten züchten und wissenschaftliche Forschung betreiben. Für Hobbygärtner in der Regel nicht empfehlenswert. |
Wie die Tabelle verdeutlicht, bietet die vegetative Vermehrung durch Kindel für Orchideenliebhaber zahlreiche Vorteile. Sie ist die einfachere, schnellere und zuverlässigere Methode, um zu neuen Orchideenpflanzen zu gelangen und dabei die geliebten Eigenschaften der Mutterpflanze zu erhalten.
Schritt-für-Schritt Anleitung zur Vermehrung mit Orchideen-Kindeln
Nachdem Sie nun einen Kindel an Ihrer Orchidee entdeckt und als solchen identifiziert haben, freuen Sie sich sicherlich darauf, ihn abzutrennen und einzupflanzen. Mit dieser detaillierten Schritt-für-Schritt Anleitung gelingt Ihnen die Vermehrung garantiert:
- Geduld ist gefragt: Warten Sie, bis der Kindel reif ist. Dies ist der wichtigste Schritt für den Erfolg. Ein zu früh abgetrennter Kindel hat geringere Überlebenschancen. Warten Sie unbedingt, bis der Kindel folgende Reifezeichen zeigt:
- Ausreichend Wurzeln: Der Kindel sollte mindestens 2-3 Luftwurzeln entwickelt haben, die idealerweise mehrere Zentimeter lang sind (etwa 3-5 cm). Je mehr Wurzeln, desto besser.
- Blätterwachstum: Der Kindel sollte mehrere gesunde, grüne Blätter besitzen, idealerweise mindestens 2-3.
- Verbindungsstiel vergilbt: Der Stiel, der den Kindel mit der Mutterpflanze verbindet, sollte beginnen, gelblich oder bräunlich zu werden. Dies signalisiert, dass der Kindel ausreichend versorgt wurde und nun bereit ist, eigenständig zu leben.
Dieser Reifeprozess kann einige Monate bis zu einem Jahr dauern, abhängig von der Orchideenart, den Wachstumsbedingungen und der Größe des Kindels. Haben Sie Geduld und beobachten Sie den Kindel regelmäßig.
- Der ideale Zeitpunkt: Frühling oder Sommer. Wie beim Umtopfen von Orchideen ist der Frühling oder Frühsommer die beste Zeit für die Vermehrung durch Kindel. In dieser Zeit befinden sich die Orchideen in ihrer aktiven Wachstumsphase, was die Wurzelbildung und das Anwachsen des Kindels begünstigt. Vermeiden Sie das Abtrennen und Einpflanzen im Winter, wenn sich die Pflanzen in einer Ruhephase befinden.
- Vorbereitung und Desinfektion. Bereiten Sie einen kleinen Topf (ca. 5-8 cm Durchmesser) mit speziellem Orchideensubstrat vor. Für Kindel eignet sich feineres Substrat besonders gut. Stellen Sie sicher, dass der Topf Drainagelöcher hat, um Staunässe zu vermeiden. Desinfizieren Sie ein scharfes Messer oder eine sterile Schere mit Alkohol oder durch Abflammen, um die Übertragung von Krankheitserregern zu verhindern.
- Abtrennen des Kindels. Gehen Sie beim Abtrennen des Kindels vorsichtig vor, um Mutterpflanze und Ableger nicht zu beschädigen:
- Trennen Sie den Kindel mit dem desinfizierten Messer oder der Schere sauber und direkt unterhalb des Kindels vom Blütenstiel oder der Bulbe der Mutterpflanze ab.
- Achten Sie darauf, die Luftwurzeln des Kindels nicht zu beschädigen.
- Bestäuben Sie die Schnittstellen an der Mutterpflanze und am Kindel mit Zimtpulver. Zimt wirkt desinfizierend und beugt Pilzinfektionen vor. Alternativ können Sie spezielle Wundverschlussmittel für Pflanzen verwenden.
- Einpflanzen des Kindels. Pflanzen Sie den abgetrennten Kindel nun in den vorbereiteten Topf:
- Setzen Sie den Kindel zentriert in den Topf und füllen Sie ihn vorsichtig mit Orchideensubstrat auf. Die Wurzeln sollten dabei gut mit Substrat bedeckt sein, aber der untere Teil der Blätter sollte oberhalb des Substrats bleiben.
- Drücken Sie das Substrat leicht an, um dem Kindel Halt zu geben. Gießen Sie den Kindel nach dem Einpflanzen vorsichtig an. Verwenden Sie dafür am besten weiches, zimmerwarmes Wasser.
- Stellen Sie den eingepflanzten Kindel an einen hellen, warmen Standort ohne direkte Sonneneinstrahlung. Ein Ost- oder Westfenster ist ideal.
- Optional: Anzuchthaus für optimale Bedingungen. Um dem jungen Kindel den Start zu erleichtern und für ein feuchtwarmes Klima zu sorgen, können Sie ein Mini-Gewächshaus oder ein durchsichtiges Plastikgefäß verwenden. Dies erhöht die Luftfeuchtigkeit und fördert die Wurzelbildung. Wenn Sie ein Anzuchthaus verwenden:
- Besprühen Sie den Kindel täglich leicht mit Wasser, um die Luftfeuchtigkeit hoch zu halten.
- Lüften Sie das Anzuchthaus täglich kurz, um Schimmelbildung vorzubeugen.
- Achten Sie darauf, dass es im Anzuchthaus nicht zu heiß wird, da dies zu Schäden führen kann.
- Feuchtigkeit für Wurzelbildung. Wenn der Kindel nach dem Einpflanzen Schwierigkeiten hat, neue Wurzeln zu bilden, können Sie einen einfachen Trick anwenden: Hüllen Sie den unteren Teil des Kindels (den Bereich, aus dem die Wurzeln wachsen sollen) in feuchtes Sphagnummoos. Moos speichert Feuchtigkeit gut und fördert die Wurzelbildung. Halten Sie das Moos stets leicht feucht, aber nicht nass.
- Pflege nach dem Anwachsen. Sobald der Kindel angewachsen ist und neue Blätter und Wurzeln zeigt (dies kann einige Wochen bis Monate dauern), können Sie ihn langsam an normale Raumbedingungen gewöhnen. Wenn Sie ein Anzuchthaus verwendet haben, entfernen Sie es schrittweise. Beginnen Sie mit dem Düngen der jungen Orchidee mit einem speziellen Orchideendünger in halber Konzentration. Achten Sie auf eine artgerechte Pflege bezüglich Gießen, Düngen, Licht und Temperatur, wie Sie es bei ausgewachsenen Orchideen tun würden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Orchideenvermehrung mit Kindeln
- Wie lange dauert es, bis ein Kindel Wurzeln bildet?
Die Wurzelbildung kann variieren, abhängig von der Orchideenart, den Bedingungen und der Vitalität des Kindels. In der Regel sollten sich unter optimalen Bedingungen innerhalb von wenigen Wochen bis zu einigen Monaten neue Wurzeln zeigen. Geduld ist hier gefragt.
- Welches Substrat ist am besten für Orchideen-Kindel geeignet?
Für Kindel empfiehlt sich ein feineres Orchideensubstrat als für ausgewachsene Pflanzen. Spezielle Kindel- oder Jungpflanzen-Substrate sind im Fachhandel erhältlich. Alternativ können Sie ein herkömmliches Orchideensubstrat mit etwas feiner Rinde und Sphagnummoos mischen, um es luftiger und feuchtigkeitsspeichernder zu machen.
- Wie oft muss ich einen Orchideen-Kindel gießen?
Halten Sie das Substrat des Kindels gleichmäßig leicht feucht, aber vermeiden Sie unbedingt Staunässe. Diese kann zu Wurzelfäule führen. Lassen Sie die Oberfläche des Substrats zwischen den Wassergaben leicht antrocknen. Im Anzuchthaus ist es oft ausreichend, den Kindel täglich leicht zu besprühen, anstatt zu gießen. Achten Sie auf die Luftfeuchtigkeit und die Verdunstung.
- Kann ich jede Orchideenart mit Kindeln vermehren?
Nein, die Bildung von Kindeln ist nicht bei allen Orchideenarten verbreitet. Besonders häufig und zuverlässig bilden jedoch Arten wie Phalaenopsis, Dendrobium, Epidendrum und Calanthe Kindel. Bei anderen Orchideengattungen ist die Kindelbildung seltener oder gar nicht vorhanden.
- Was mache ich, wenn der Kindel keine Wurzeln bildet?
Wenn der Kindel nach einiger Zeit keine Wurzeln zeigt, überprüfen Sie die Bedingungen. Stellen Sie sicher, dass der Standort warm und hell ist und die Luftfeuchtigkeit ausreichend hoch ist. Der Trick mit dem feuchten Sphagnummoos (siehe oben) kann oft Wunder wirken. Geben Sie dem Kindel Zeit und vermeiden Sie übermäßiges Gießen. In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass ein Kindel trotz aller Bemühungen keine Wurzeln bildet. In diesem Fall ist die Vermehrung leider nicht erfolgreich.
Die Vermehrung von Orchideen durch Kindel ist eine faszinierende und lohnende Möglichkeit, Ihre Orchideensammlung auf natürliche Weise zu erweitern und die Schönheit und Vielfalt dieser außergewöhnlichen Pflanzen zu bewahren und zu teilen. Mit etwas Geduld, Sorgfalt und den richtigen Schritten werden Sie bald stolzer Besitzer neuer, blühfreudiger Orchideen sein, die aus den Ablegern Ihrer bestehenden Pflanzen herangewachsen sind. Viel Erfolg bei der Orchideenvermehrung!
