14/11/2020
Opium, gewonnen aus dem Schlafmohn (Papaver somniferum L.), ist seit Jahrhunderten für seine psychoaktiven und medizinischen Eigenschaften bekannt. Durch Anritzen der Samenkapseln wird der Milchsaft gewonnen, der an der Luft zu einer dunklen Masse, dem Rohopium, trocknet. Die Wirkung von Opium beruht auf einer Vielzahl von Alkaloiden, darunter das bekannteste und wirksamste, Morphin. Morphin ist ein starkes Schmerzmittel und dient als Basis für weitere Opioide wie Heroin. Ein weiteres Alkaloid, Codein, wird bis heute als Hustenmittel eingesetzt. Opiumalkaloide wirken im Körper, indem sie an spezifische Rezeptoren binden, die normalerweise Schmerz und Stress regulieren. Morphin aktiviert diese Rezeptoren in starkem Maße und führt zu einer intensiven Wirkung. Gleichzeitig wird die Dopaminausschüttung im Belohnungszentrum des Gehirns erhöht, was das Suchtpotenzial von Opium erklärt.

Die Anfänge des Opiumrauchens
Ursprünglich wurde Opium in fester Form gegessen oder in Getränken gelöst konsumiert. Die Sitte des Opiumrauchens entwickelte sich erst später, insbesondere in China. Im 17. Jahrhundert brachten holländische Händler das Tabakrauchen nach Formosa (Taiwan). Da Tabak in China zeitweise verboten und hoch besteuert war, begannen tabaksüchtige Chinesen, Tabak mit Opium zu vermischen und zu rauchen. Schließlich entwickelte sich das reine Opiumrauchen, insbesondere in Form von fermentiertem Opium, dem sogenannten Chandu.
Opiumhöhlen: Orte des Rausches und der Geselligkeit
Mit der Verbreitung des Opiumrauchens entstanden sogenannte Opiumhöhlen oder Opiumdivane. Diese Etablissements dienten als Orte, an denen Opium verkauft und konsumiert wurde. Sie reichten von einfachen, spartanischen Räumen bis hin zu luxuriös ausgestatteten Salons, je nach Klientel. In der Regel bestanden Opiumhöhlen aus einem großen Raum mit Pritschen, auf denen die Raucher lagen. Einige Höhlen verfügten auch über separate Divane für mehr Privatsphäre.
Das Opiumrauchen in diesen Höhlen folgte oft einem festen Zeremoniell. Bereits eine Stunde vor Beginn des Rauchens wurden die Räume vorbereitet und die notwendigen Utensilien wie spezielle Opiumpfeifen und Opiumlampen bereitgestellt. Geraucht wurde meist in Gemeinschaft, wobei während des eigentlichen Rauchvorgangs Stille erwartet wurde. Der Konsum konnte beträchtlich sein: In der Regel wurden täglich 20 bis 40 Pfeifen pro Person geraucht, wobei besonders erfahrene Raucher, die 80 bis 100 Pfeifen konsumierten, als „Große Raucher“ respektiert wurden.
Der Rauchvorgang im Detail
Der Opiumraucher legte sich bequem auf die Seite und bereitete die Pfeife vor. Mit einer feinen Nadel nahm er ein erbsengroßes Stück Chandu aus einer Dose und erhitzte es über der Flamme einer kleinen Lampe. Durch die Hitze veränderte sich die Konsistenz des Chandu, es wurde zäh und pechähnlich. Dieses wurde dann in den kleinen Pfeifenkopf gedrückt, wobei ein winziger Kanal zum Bambusrohr hin geschaffen wurde. Der Raucher zog nun wenige Züge, hielt den Rauch lange in der Lunge und wiederholte den Vorgang. Nach einigen Pfeifen stellte sich ein Zustand des Wohlbehagens ein, oft begleitet von angenehmen, manchmal erotischen Vorstellungen. Darauf folgte Müdigkeit und schließlich ein narkotischer Schlaf. Nach dem Erwachen stellte sich oft ein „Kater“ und ein starkes Verlangen nach der nächsten Pfeife ein, was das hohe Suchtpotenzial des Opiumrauchens verdeutlicht.

Opiumhöhlen in aller Welt
Ausgehend von China verbreiteten sich Opiumhöhlen im 19. Jahrhundert in ganz Südostasien, Nordamerika und in den Hafenstädten Westeuropas. In Nordamerika entstanden Zentren des Opiumrauchens in San Francisco, New York City, New Orleans und Albany. Besonders in den Chinatowns dieser Städte florierten die Opiumhöhlen, die sowohl von chinesischen Einwanderern als auch von Amerikanern anderer Herkunft besucht wurden. Schätzungen zufolge rauchten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA regelmäßig 100.000 bis 150.000 Menschen Opium.
Auch in Europa etablierten sich Opiumhöhlen, vor allem in Hafenstädten wie London, Marseille, Le Havre, Rotterdam, Paris, Toulon, Brest, Liverpool und Hamburg. Diese wurden meist von chinesischen Einwanderern betrieben und von einer gemischten Klientel aus Chinesen und Europäern besucht. In Europa blieben die Opiumhöhlen jedoch eher eine Randerscheinung, da die chinesischen Gemeinden hier kleiner waren als in Nordamerika.
Opiumrauchen als Stigma und Verfolgung
In den USA wurde das Opiumrauchen zunehmend mit chinesischen Einwanderern assoziiert und zu einem Stigma. Rassistische Vorurteile und wirtschaftliche Spannungen führten zu einer Kampagne gegen chinesische Einwanderer, in der das Opiumrauchen als Beweis für ihre „Gefährlichkeit“ instrumentalisiert wurde. Die Boulevardpresse trug maßgeblich zur Verbreitung negativer Stereotypen bei, die Chinesen pauschal als kriminell und verdorben darstellten.
Diese Stimmung führte zu diskriminierenden Gesetzen, die das Opiumrauchen und den Betrieb von Opiumhöhlen unter Strafe stellten. Das erste Strafgesetz gegen den Opiumkonsum in der westlichen Welt wurde 1875 in San Francisco erlassen. In den folgenden Jahren wurden auch in anderen amerikanischen Bundesstaaten und in Kanada Gesetze gegen Opium erlassen. Diese Gesetze zielten oft direkt auf die chinesische Bevölkerungsgruppe ab und dienten dazu, ihre Kultur und Lebensweise einzuschränken.
Opiumhöhlen in Hamburg: Ein lokales Beispiel
Auch in Hamburg, einer bedeutenden Hafenstadt, existierten Opiumhöhlen, vor allem im Chinesenviertel auf St. Pauli. In den 1920er Jahren war Hamburg ein wichtiger Umschlagplatz für den illegalen Drogenhandel. Polizeiberichte aus dieser Zeit belegen die Existenz von Opiumhöhlen, die sowohl von Chinesen als auch von Deutschen und Japanern besucht wurden. Bei Razzien wurden in versteckten Kellern Opiumhöhlen entdeckt und zahlreiche Personen im Opiumrausch angetroffen. In den 1930er Jahren verschärfte sich die Verfolgung der chinesischen Gemeinde in Hamburg durch den NS-Staat. Im Rahmen der sogenannten Chinesenaktion im Jahr 1944 wurden die letzten verbliebenen Chinesen verhaftet, misshandelt und zur Zwangsarbeit gezwungen, was das Ende des Chinesenviertels in Hamburg bedeutete.

Fazit
Das Opiumrauchen hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Ursprünglich in China entstanden, verbreitete es sich weltweit und prägte in vielen Regionen soziale und kulturelle Phänomene. Opiumhöhlen dienten nicht nur dem Rausch, sondern auch als Orte der Geselligkeit und des sozialen Austauschs. Gleichzeitig wurde das Opiumrauchen oft zum Gegenstand von Stigmatisierung und Verfolgung, insbesondere im Zusammenhang mit rassistischen Vorurteilen gegenüber chinesischen Einwanderern. Die Geschichte des Opiumrauchens ist somit ein Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen, kultureller Austauschprozesse und der komplexen Beziehung des Menschen zu psychoaktiven Substanzen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
War Opiumrauchen jemals legal?
Ja, in einigen Kontexten und zu bestimmten Zeiten war Opiumrauchen legal oder zumindest geduldet. In China gab es Phasen, in denen Opiumhöhlen mit Konzession betrieben wurden. Auch in westlichen Ländern gab es Perioden, in denen Opiumrauchen zwar nicht legalisiert, aber auch nicht konsequent verfolgt wurde. Die Legalisierung oder Kriminalisierung von Opiumrauchen war oft von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren abhängig.
Welche gesundheitlichen Risiken birgt Opiumrauchen?
Opiumrauchen ist mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden. Opium ist stark suchtgefährdend und kann zu körperlicher und psychischer Abhängigkeit führen. Langfristiger Opiumkonsum kann schwere gesundheitliche Schäden verursachen, darunter Schädigungen des Nervensystems, Atemwegserkrankungen und Herz-Kreislauf-Probleme. Zudem birgt das Rauchen selbst Risiken für die Atemwege.
Gibt es heute noch Opiumhöhlen?
In den meisten westlichen Ländern sind Opiumhöhlen heute illegal und weitgehend verschwunden. In einigen Teilen Asiens, insbesondere in abgelegenen Regionen, mag es vereinzelt noch informelle Orte geben, an denen Opium geraucht wird, aber diese sind in der Regel illegal und schwer zugänglich. Der Opiumkonsum hat sich in vielen Teilen der Welt von traditionellen Rauchformen hin zu anderen Konsummethoden und synthetischen Opioiden verlagert.
