04/11/2020
Die Kunst, Bäume zu formen, ist so alt wie faszinierend. Es ist mehr als nur Gartenarbeit; es ist eine Verschmelzung von Kunst, Gartenbau und Architektur, die lebende, atmende Strukturen hervorbringt. Dieser Artikel taucht ein in die Welt der Baumformen, erkundet ihre Geschichte, Methoden, Anwendungen und die beeindruckenden Vorteile dieser einzigartigen Praxis.

Was ist Baumformen?
Baumformen, auch bekannt als Baubotanik oder lebende Architektur, beschreibt den Prozess, Bäume und andere Pflanzen so zu lenken und zu gestalten, dass sie gewünschte Formen und Strukturen annehmen. Es geht darum, das natürliche Wachstum von Bäumen zu nutzen und zu lenken, um sowohl ästhetisch ansprechende Kunstwerke als auch funktionale Bauwerke zu schaffen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Bauweisen, die tote Materialien verwenden, arbeitet die Baumformung mit lebendem Material, das wächst, atmet und sich mit der Umwelt verändert.

Methoden der Baumformung
Die Baumformung ist ein langfristiger Prozess, der Geduld und ein tiefes Verständnis für das Pflanzenwachstum erfordert. Es gibt verschiedene Methoden, um Bäume zu formen, die oft in Kombination angewendet werden:
- Beschneidung: Regelmäßiges Beschneiden ist entscheidend, um das Wachstum in die gewünschte Richtung zu lenken. Durch gezieltes Entfernen von Trieben und Ästen wird die Form des Baumes beeinflusst.
- Grafting (Veredelung): Das Zusammenfügen von Pflanzenteilen, um sie als eine Einheit wachsen zu lassen, ist eine Schlüsseltechnik. In der Baumformung werden oft Äste benachbarter Bäume miteinander veredelt (Inoskulation), um stabile und komplexe Strukturen zu schaffen.
- Biegen und Leiten: Junge, flexible Triebe können gebogen und an Rahmen oder Stützstrukturen befestigt werden, um sie in die gewünschte Form zu zwingen. Mit der Zeit verholzen die Triebe und behalten die vorgegebene Form bei.
- Stützstrukturen: Anfangs werden oft Gerüste oder Rahmen verwendet, um die Bäume in der gewünschten Form zu halten und zu leiten. Diese Stützstrukturen werden entfernt, sobald die Bäume stark genug sind, um sich selbst zu tragen.
Vorteile lebender Strukturen
Lebende, gewachsene Strukturen bieten eine Reihe von Vorteilen gegenüber traditionellen Bauweisen:
- Stabilität und Festigkeit: Lebende Bäume entwickeln eine bemerkenswerte Stabilität. Ihre Faserstruktur und die Art und Weise, wie sie wachsen, verleihen ihnen eine natürliche Widerstandsfähigkeit gegen Wind, Wetter und sogar Erdbeben. Die Verbindungen in gewachsenen Strukturen sind oft stärker als in konstruierten Holzbauten.
- Nachhaltigkeit: Baumformung ist eine äußerst nachhaltige Bauweise. Bäume sind nachwachsende Rohstoffe, die während ihres Wachstums Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre aufnehmen und Sauerstoff produzieren. Lebende Strukturen tragen zur Verbesserung des Mikroklimas bei und können die Luftqualität in Städten verbessern.
- Langlebigkeit: Lebende Bäume sind widerstandsfähiger gegen Verrottung als totes Holz. Sie verfügen über natürliche Abwehrmechanismen (Kompartimentierung), die sie vor Schädlingen und Krankheiten schützen.
- Ästhetischer Wert: Lebende Strukturen sind einzigartig und lebendig. Sie verändern sich mit den Jahreszeiten und bieten ein dynamisches und natürliches Element in der Landschaft oder im urbanen Raum.
Designoptionen und Anwendungen
Die Designmöglichkeiten in der Baumformung sind vielfältig und reichen von rein künstlerischen Formen bis hin zu funktionalen Bauwerken. Einige Beispiele:
- Künstlerische Formen: Von abstrakten Formen wie Würfeln und Kreisen bis hin zu Buchstaben oder komplexen Skulpturen – der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt.
- Nützliche Objekte: Kleiderbügel, Wäschekörbe, Leitern, Möbel, Werkzeuge – viele Alltagsgegenstände lassen sich aus geformten Bäumen herstellen. Der Vorteil: Sie sind oft stabiler und haltbarer als herkömmliche Produkte.
- Lebende Zäune und Spielplätze: Funktionale und gleichzeitig attraktive Strukturen für den Garten oder öffentliche Räume.
- Architektonische Bauwerke: Bögen, Kuppeln, Pavillons, Tunnel und sogar ganze Häuser sind theoretisch durch Baumformung realisierbar. Projekte wie das Fab Tree Hab und der Baubotanik-Turm zeigen das Potenzial dieser Bauweise.
Verwandte Praktiken
Baumformen teilt einige Elemente mit anderen gartenbaulichen Praktiken, unterscheidet sich aber in wesentlichen Aspekten:
- Bonsai: Die Kunst, Bäume in kleinen Gefäßen zu ziehen und durch Beschneidung und Formgebung Miniaturversionen reifer Bäume zu schaffen. Bonsai ist primär eine Kunstform und dient nicht der Produktion von Nahrung oder Baumaterial.
- Espalier: Das Ziehen von Baumzweigen in ornamentalen Formen entlang einer Fläche (z.B. Wand oder Spalier). Espalier dient oft der Steigerung der Fruchterzeugung und der Dekoration.
- Pleaching: Eine Technik, bei der Baumzweige zu einer Hecke verwoben werden. Oft werden Laubbäume in Reihen gepflanzt und ihre Zweige miteinander verflochten, um eine dichte, flächige Struktur zu erzeugen.
- Topiary: Die Formgebung von Bäumen und Sträuchern durch regelmäßiges Beschneiden von Blättern und Trieben, um geometrische oder fantasievolle Formen zu erhalten. Topiary konzentriert sich auf die äußere Form durch Schnitt, während Baumformen das Wachstum des gesamten Baumes lenkt.
Beispiele und Projekte
Es gibt weltweit verschiedene Projekte und Pioniere der Baumformung:
- Fab Tree Hab: Ein Konzept dreier MIT-Designer für ein lebendes Baumhaus, das mit seiner Umgebung verschmilzt und seine Bewohner versorgt.
- The Patient Gardener: Ein 80-Jahres-Plan eines schwedischen Architekturbüros für eine lebende Kirschbaumkuppel in Sanduhrform und gewachsene Möbel.
- Baubotanik-Turm: Ein dreistöckiger Turm aus lebenden Weiden an der Universität Stuttgart, der von Ferdinand Ludwig entworfen wurde. Dieses Projekt demonstriert das Potenzial für mehrgeschossige lebende Strukturen.
Vor- und Nachteile der Baumformung
Wie jede Bauweise hat auch die Baumformung ihre Vor- und Nachteile:
Vorteile:
- Umweltfreundlich und nachhaltig
- Hohe Stabilität und Festigkeit
- Langlebig und widerstandsfähig gegen Verrottung
- Ästhetisch ansprechend und lebendig
- Verbesserung des Mikroklimas
Nachteile:
- Langer Wachstumszeitraum
- Unvorhersehbarkeit des Wachstums
- Begrenzte Auswahl an geeigneten Baumarten
- Abhängigkeit von Umweltbedingungen
- Erfordert spezialisiertes Wissen und Pflege
Fazit
Baumformen ist eine faszinierende und zukunftsweisende Praxis, die das Potenzial hat, unsere Beziehung zur Natur und zur Architektur grundlegend zu verändern. Sie verbindet Kunst, Wissenschaft und Handwerk auf einzigartige Weise und bietet eine nachhaltige und ästhetisch ansprechende Alternative zu konventionellen Bauweisen. Obwohl die Baumformung noch in den Kinderschuhen steckt, zeigen Projekte wie der Baubotanik-Turm und Fab Tree Hab, dass lebende Strukturen mehr als nur eine Vision sind – sie sind eine wachsende Realität.
