16/12/2024
Johann Gottfried Herder, ein bedeutender Denker der Aufklärung, veröffentlichte im Jahr 1769 seine einflussreiche „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“. Diese Schrift, mit der er einen Preis der Berliner Akademie der Wissenschaften gewann, stellt einen Wendepunkt in der Sprachphilosophie dar. Herder brach darin mit der traditionellen Vorstellung einer göttlich gegebenen Sprache und argumentierte, dass die Sprache eng mit dem Wesen des Menschen und seiner Fähigkeit zur Reflexion verbunden ist. Sein Werk, obwohl heute in einigen Aspekten als spekulativ betrachtet, hat nachfolgende Sprachtheorien maßgeblich beeinflusst und bietet überraschende Anknüpfungspunkte an moderne sprachwissenschaftliche Diskurse.

Die Auseinandersetzung mit Condillac und Süßmilch
Um Herders eigene Sprachursprungstheorie zu verstehen, ist es wichtig, seine Kritik an den zeitgenössischen Theorien von Étienne de Condillac und Johann Peter Süßmilch zu betrachten. Herder setzte sich intensiv mit deren Ansätzen auseinander, um ihre Schwächen aufzuzeigen und seine eigene Position zu entwickeln.
Condillacs Stufentheorie
Condillac vertrat die Ansicht, dass es zwischen tierischer und menschlicher Sprache lediglich graduelle Unterschiede gibt. Er postulierte eine Entwicklung in Stufen, beginnend mit einfachen Lauten und Bewegungen, die unmittelbare Gefühle ausdrücken – wie etwa Schmerzensschreie. Daraus sollte sich eine Gebärdensprache entwickeln, die durch Schreie begleitet wird, und schließlich, durch weitere Abstraktion und Konventionen, eine willkürliche Lautsprache. Condillac sah also einen kontinuierlichen Übergang von tierischen zu menschlichen Kommunikationsformen.
Süßmilchs göttlicher Ursprung
Süßmilch kritisierte Condillacs Theorie vehement. Er argumentierte, dass die Komplexität der menschlichen Sprache es unmöglich mache, sie auf einfache Empfindungsausdrücke und tierische Vorformen zurückzuführen. Für Süßmilch war die Sprache ein zu komplexes Phänomen, als dass sie sich auf natürliche Weise hätte entwickeln können. Er postulierte daher einen göttlichen Ursprung der Sprache. Diese Position ähnelt stark der Intelligent-Design-Lehre, die komplexe Phänomene nicht durch natürliche Prozesse, sondern durch göttliche Schöpfung erklärt.
Herders Kritik und Anthropologische Wende
Herder teilte Süßmilchs Kritik an Condillac insofern, als er die menschliche Sprache ebenfalls für zu komplex hielt, um aus bloßen Gefühlsschreien entstanden zu sein. Er erweiterte diese Kritik jedoch um eine anthropologische Dimension. Für Herder bestand der Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht in einem graduellen Anstieg von Fähigkeiten, sondern in einer fundamental unterschiedlichen „Richtung und Auswicklung aller Kräfte“. Mensch und Tier seien in ihrem Wesen grundverschieden. Die simple „Geschrei der Empfindungen“ der Tiere und die komplexe, reflektierte Sprache des Menschen hätten kaum Gemeinsamkeiten. Herder versuchte diese fundamentale Differenz durch den Gegensatz von tierischem Instinkt und menschlicher Instinktfreiheit zu erklären. Er lehnte Süßmilchs Lösung eines göttlichen Ursprungs jedoch ab und wies auf einen logischen Widerspruch in dessen Argumentation hin: Süßmilch behauptete, Vernunft setze Sprache voraus, argumentierte aber gleichzeitig, dass der Mensch Sprache von Gott lernen müsse. Dies implizierte, dass der Mensch bereits Vernunft besitzen müsse, um von Gott zu lernen, was wiederum Sprache voraussetzte – ein Zirkelschluss.
Der Mensch als „Mängelwesen“ und die Besonnenheit
Herder suchte nach einer anderen Erklärung für den Ursprung der Sprache. Er verstand seine Abhandlung als eine Art sprachanthropologische Untersuchung, die das Wesen des Menschen erkundet, um den Ursprung der Sprache zu ergründen. Ein zentraler Teil seiner Schrift widmet sich daher der Frage: Was macht den Menschen aus? Was unterscheidet ihn von Tieren?
Herder erkannte Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier in rudimentären Sprachformen, wie unwillkürlichen Lautäußerungen zur Empfindung von Gefühlen. Doch hier endeten die Gemeinsamkeiten für ihn. Den entscheidenden Unterschied sah er in den Instinkten der Tiere und der vermeintlichen Instinktlosigkeit des Menschen. Tiere seien durch ihre Instinkte befähigt, in ihrem begrenzten Wirkbereich Perfektion zu erreichen, wie etwa der Bau einer Honigwabe durch eine Biene oder das Netz einer Spinne. Der Mensch hingegen sei frei von Instinkten und erreiche in keinem Bereich die spezialisierte Perfektion der Tiere. Im Vergleich zu Tieren erscheint der Mensch daher als ein „Mängelwesen“.
Diese „Mangelhaftigkeit“ ist jedoch gleichzeitig die Grundlage für die menschliche Souveränität. Anders als Tiere ist der Mensch nicht auf einen spezifischen Wirkbereich beschränkt. Während die Spinne nur Netze weben kann, ist der Mensch anpassungsfähig und kann sich in vielfältigen Bereichen betätigen. Diese Anpassungsfähigkeit ermöglicht es ihm, über sein eigenes Leben zu bestimmen. Er erreicht zwar keine instinktgeleitete Perfektion in einer Nische, ist aber nicht auf eine einzige Nische beschränkt. Herder zeichnet ein ambivalentes Bild des Menschen: einerseits „mangelhaft“ im Vergleich zu spezialisierten Tieren, andererseits gerade dadurch zum Herrn seines eigenen Lebens und in seiner Freiheit einzigartig.
Diese grundlegende Freiheit ermöglicht dem Menschen, über sein Handeln und Wollen zu reflektieren. Im Gegensatz zu Tieren, deren Reaktionen instinktgesteuert sind, muss der Mensch entscheiden und nachdenken. Diese Fähigkeit zur Reflexion, zum Nachdenken über sich selbst und die Welt, bezeichnet Herder als Besonnenheit. Sie ist das Kernstück seiner Anthropologie und der Schlüssel zum Verständnis des Sprachursprungs.
Besonnenheit und der Ursprung der Sprache
Herder sieht die Besonnenheit als den Ursprung der menschlichen Sprache. Er schreibt: „Der Mensch in einen Zustand von Besonnenheit gesetzt, der ihm eigen ist, und diese Besonnenheit (Reflexion) zum ersten Mal frei wirkend, hat Sprache erfunden“. Die Erfindung der Sprache ist somit eine notwendige Folge der menschlichen Besonnenheit. Da der Mensch von Natur aus besonnen ist und die Besonnenheit Sprache hervorbringt, ist die Sprachschöpfung für den Menschen natürlich und unvermeidlich. „Erfindung der Sprache ist ihm also so natürlich, da er ein Mensch ist“ – so Herder.

Aber wie genau entsteht Sprache aus der Besonnenheit? Herder beschreibt einen dreischrittigen Prozess der Sprachschöpfung:
- Geistige Merkmalsbildung: Der Mensch nimmt ein Objekt oder ein Wesen wahr und identifiziert dessen auffälligstes Merkmal.
- Absonderung der Merkmale: Dieses Merkmal wird geistig vom Objekt getrennt, abstrahiert.
- Nutzung als Zeichen: Das abgetrennte Merkmal wird als Zeichen für das Objekt verwendet.
Herder illustriert diesen Prozess am Beispiel eines Schafes. Der Mensch nimmt das Schaf wahr, sein auffälligstes Merkmal ist das „Blöken“. Dieses „Blöken“ wird geistig vom Schaf getrennt und fortan als Zeichen für das Schaf verwendet. So entsteht das Wort „Schaf“ (oder ein entsprechendes frühes sprachliches Zeichen).
Interessanterweise betont Herder, dass die Funktion dieser Zeichen nicht primär kommunikativ ist. Die Sprache, als Gesamtheit dieser Zeichen, dient in erster Linie der Orientierung in der Welt. Sie ermöglicht es dem Menschen, Dinge wiederzuerkennen, zu kategorisieren und sein Denken zu strukturieren. Ob diese Zeichen nach außen geäußert und zur Kommunikation genutzt werden, ist für Herder sekundär. Der Prozess der Sprachschöpfung ist zunächst ein individueller Akt. Jeder Mensch schafft seine eigene Sprache, die ihm die Welt auf individuelle Weise erschließt.
Herder verdeutlicht dies am Beispiel eines stummen Einsiedlers. Auch dieser Einsiedler, ohne Kontakt zu anderen Menschen, besitzt nach Herder eine Sprache. Denn auch er ist als Mensch zur Besonnenheit fähig und damit zur Merkmalsbildung, -absonderung und Zeichenkonstruktion. Die Sprachen verschiedener Menschen können daher erheblich voneinander abweichen, da sie auf unterschiedlichen Weltwahrnehmungen und individuellen Erschließungsprozessen basieren.
Herders Sprachphilosophie und moderne Theorien
Herders Thesen zur Sprachursprung in seiner „Abhandlung“ weisen überraschende Parallelen zu modernen sprachphilosophischen und sprachtheoretischen Diskursen auf. Sein Verständnis von Sprache als einer dem Menschen qua Mensch gegebenen Fähigkeit erinnert an den Nativismus Noam Chomskys, der Sprache als angeborene Fähigkeit betrachtet. Auch lassen sich Parallelen zum Kognitivismus erkennen, da Sprache bei Herder primär ein Medium der Welterschließung und Informationsverarbeitung ist. Zudem gibt es Anknüpfungspunkte an die Theorie der sprachlichen Relativität, da Herder davon ausgeht, dass jeder Mensch seine eigene Sprache schafft, die nicht nur aus unterschiedlicher Weltwahrnehmung resultiert, sondern diese auch beeinflusst.
Kritik an Herders Sprachursprungstheorie
Trotz der Aktualität einiger Aspekte gelten Herders Ausführungen zum Sprachursprung heute als überholt. Dies liegt vor allem an dem spekulativen Charakter seiner Thesen. Insbesondere seine anthropologisch-metaphysischen Behauptungen über den Unterschied zwischen Mensch und Tier sind unplausibel. Die Annahme der Instinktfreiheit des Menschen und des Instinktdeterminismus der Tiere hält einer empirischen Überprüfung nicht stand. Neuere Forschungen zeigen vielmehr, dass die Grenze zwischen Mensch und Tier ein soziales Konstrukt und keine natürliche Gegebenheit ist. Kritiker bemängeln zudem, dass Herders Unterscheidung zwischen Mensch und Tier auf einer überholten Essenzmetaphysik basiert, die hierarchische Herrschaftsverhältnisse legitimiert.
Ein weiteres Problem betrifft das Verhältnis von Besonnenheit und Sprache. Wie kann Besonnenheit Sprache hervorbringen, wenn Sprache selbst bereits Voraussetzung für komplexes Denken und Reflexion zu sein scheint? Diese Frage, bereits von Jean-Jacques Rousseau aufgeworfen, bleibt in Herders Theorie nicht vollständig beantwortet. Seine Ausführungen deuten jedoch darauf hin, dass er eine Gleichursprünglichkeit von Denken und Sprache annimmt, die in einem gemeinsamen Prozess entstehen. Dies würde zwar das Problem der gegenseitigen Bedingtheit lösen, aber mit konventionellen Vorstellungen von linearer Kausalität brechen.
Fazit
Trotz der Kritikpunkte bleibt Johann Gottfried Herders „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ ein bedeutendes Werk der Sprachphilosophie. Seine Betonung der Reflexion als Grundlage der menschlichen Sprache und seine anthropologische Perspektive haben die Entwicklung der Sprachwissenschaft nachhaltig beeinflusst. Auch wenn seine spezifischen Annahmen über den Unterschied zwischen Mensch und Tier und den genauen Mechanismus der Sprachschöpfung heute kritisch gesehen werden, bleibt Herders Werk ein wichtiger Beitrag zum Verständnis des komplexen Verhältnisses von Sprache, Denken und menschlichem Wesen.
