Wer hat die Visitenkarte erfunden?

Die Popularität der Carte de Visite im 19. Jh.

14/07/2024

Rating: 4.42 (5961 votes)

Haben Sie jemals alte Fotos von Vorfahren in einer Schachtel oder einem vergilbten Album gefunden? Diese Bilder erzählen Geschichten aus einer anderen Zeit und oft handelt es sich um sogenannte Cartes de Visite. Diese kleinen Fotografien auf Papier waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert äusserst beliebt und stellen einen wichtigen Teil der Fotografiegeschichte dar. In diesem Artikel werden wir die Welt der Cartes de Visite erkunden und verstehen, warum sie zu einem solchen Phänomen wurden.

Warum war die Carte de Visite so beliebt?
Disdéris Innovationen machten fotografische Porträts nicht nur für die Mittelschicht erschwinglich, sondern lösten auch einen Sammelwahn aus, den die Presse als „Kartomania“ bezeichnete. Cartes de visite wurden im 19. Jahrhundert zur Version der Selfies. Aufgrund der geringen Kosten konnten die Leute mehrere Kopien eines Fotos kaufen und sie mit anderen teilen …
Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Carte de Visite?

Die Carte de Visite, oft einfach "Carte" oder "Visitenkarte-Fotografie" genannt, war das erste massenproduzierte fotografische Format auf Papier. Erfunden wurde sie 1854 vom französischen Fotografen André Adolphe Disdéri. Der Name leitet sich von der Grösse ab, die einer Standard-Visitenkarte entsprach (ungefähr 6,4 x 10,2 cm). Im Französischen bedeutet "Carte de Visite" wörtlich "Visitenkarte", was bereits auf ihren ursprünglichen Zweck hinweist: Sie wurden nicht nur als Porträts, sondern auch als eine Art Visitenkarte verwendet und ausgetauscht.

Die Innovation von Disdéri

Vor der Carte de Visite waren frühere fotografische Formate wie Daguerreotypien und Tintypen Einzelstücke. Es gab keine einfache Möglichkeit, mehrere Kopien eines Bildes zu erstellen. Disdéri löste dieses Problem mit einer Kamera mit mehreren Objektiven. Diese erlaubte es, mehrere Negative auf einer einzigen Glasplatte zu platzieren. Im Gegensatz zu früheren Verfahren, bei denen das Bild auf Glas oder Metall entwickelt wurde, wurden Cartes de Visite auf Papier entwickelt. Die fertigen Bilder konnten leicht ausgeschnitten, auf Karton geklebt und kostengünstig verkauft werden. Diese Innovation war revolutionär und machte die Fotografie einem breiteren Publikum zugänglich.

Der Aufstieg der "Cartomanie"

Disdéris Erfindung machte fotografische Porträts nicht nur für die Mittelschicht erschwinglich, sondern löste auch eine Sammelleidenschaft aus, die die Presse als "Cartomanie" bezeichnete. Cartes de Visite wurden zur Version des 19. Jahrhunderts von Selfies. Aufgrund des niedrigen Preises konnten sich die Menschen mehrere Kopien eines Fotos leisten und diese mit Freunden und Verwandten in der Nähe oder in der Ferne teilen. Es wird geschätzt, dass in den 1860er Jahren jährlich 300 bis 400 Millionen Cartes de Visite produziert wurden. Diese unglaubliche Zahl verdeutlicht die immense Popularität und Verbreitung dieses Formats.

Politische und soziale Auswirkungen

Cartes de Visite spielten möglicherweise sogar eine Rolle in der Politik. Ein Porträt von Abraham Lincoln des berühmten Fotografen Matthew Brady wurde in grossen Mengen im Carte de Visite-Format vor den Wahlen von 1860 gedruckt. Die Verbreitung solcher Bilder trug zur Popularisierung und Bekanntheit von Persönlichkeiten bei.

Die Cartes de Visite beeinflussten auch die Gesellschaft und wurden von ihr beeinflusst. Der Amerikanische Bürgerkrieg steigerte die Nachfrage nach Fotos, da Soldaten ihr Zuhause verliessen, um in den Krieg zu ziehen. Menschen begannen, nicht nur Porträts von Freunden und Familie zu sammeln, sondern auch Porträts von Berühmtheiten. Die britische Königin Victoria war eine der beliebtesten Persönlichkeiten, aber auch Abbildungen berühmter Kunstwerke wurden gesammelt. Um diese wachsende Sammlung aufzubewahren und zu präsentieren, wurden die ersten Fotoalben geschaffen. Oft waren diese Alben selbst kleine Kunstwerke, kunstvoll gestaltet und gebunden.

Merkmale und Datierung von Cartes de Visite

Da Cartes de Visite ein halbes Jahrhundert lang produziert wurden, kann es manchmal schwierig sein, das genaue Entstehungsdatum eines bestimmten Fotos zu bestimmen. Es gibt jedoch einige Merkmale, die bei der Datierung helfen können:

  • Kartonstärke: Frühe Kartonmontierungen waren dünn. Spätere Cartes de Visite verwendeten zunehmend dickere Montierungen.
  • Eckenform: Montierungen aus den 1850er und 1860er Jahren hatten in der Regel quadratische Ecken. Montierungen mit abgerundeten Ecken tauchten ab den 1870er Jahren auf.
  • Gedruckte Ränder: Fabrikgedruckte Ränder auf der Vorderseite der Karten (in der Regel zwei goldene Linien, aber manchmal auch andere Farben) erschienen erstmals 1863. Ränder in den 1870er Jahren waren in der Regel einlinig.
  • Cartouche-Rahmen: Cartouche-Rahmen (aufwendig verzierte Karten mit einem ovalen Ausschnitt für das Foto) und handkolorierte Cartes de Visite waren in den 1860er Jahren beliebt, wurden aber bis zum Ende des Jahrzehnts selten.
  • Ovale Bilder: Oval geformte Bilder (entstanden durch Auflegen eines Kartonstücks mit einem ovalen Ausschnitt über ein rechteckiges Bild) waren in den 1870er Jahren beliebt. Der Karton sorgte dafür, dass nur der ovale Teil des Fotos entwickelt wurde.
  • Mode: Die Mode kann bei der Datierung von Fotos hilfreich sein. Die Frisuren und Kleidung von Frauen sowie die Gesichtsbehaarung und Krawatten von Männern können Anhaltspunkte liefern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Carte de Visite aus mehreren Gründen so beliebt war:

Grund der PopularitätBeschreibung
ErschwinglichkeitDank Disdéris Innovationen wurden Fotos für die Mittelschicht zugänglich.
MassenproduktionDie Möglichkeit, mehrere Kopien von einem Negativ zu erstellen, ermöglichte eine breite Verbreitung.
SammelleidenschaftDie "Cartomanie" führte zu einer regelrechten Sammelwut, ähnlich der heutigen Sammelkarten.
Soziale VernetzungCartes de Visite wurden getauscht und verschickt, um Beziehungen zu pflegen und zu zeigen.
Dokumentation der ZeitSie dienten als visuelle Chronik des 19. Jahrhunderts, von Familienporträts bis hin zu Berühmtheiten.

Das Ende der Carte de Visite-Ära

Die Popularität der Carte de Visite liess in den 1870er Jahren nach, als sie von der grösseren Cabinet Card abgelöst wurde. Cabinet Cards waren im Wesentlichen eine grössere Version der Carte de Visite und massen etwa 10 x 14 cm. Die grössere Grösse bot mehrere Vorteile: Der untere Rand bot kostenlosen Werbeplatz für den Fotografen, und die grössere Grösse ermöglichte besser lesbare Bilder, die leichter gerahmt und ausgestellt werden konnten. Obwohl die Cabinet Card schliesslich die Carte de Visite ablöste, hat die Carte de Visite ein bleibendes Erbe in der Geschichte der Fotografie hinterlassen.

Fazit

Die Carte de Visite war mehr als nur ein kleines Fotoformat. Sie war ein kulturelles Phänomen, das die Fotografie demokratisierte und für breite Bevölkerungsschichten zugänglich machte. Sie revolutionierte die Art und Weise, wie Menschen sich selbst und ihre Welt sahen und dokumentierten. Ihre Erschwinglichkeit, Massenproduktion und soziale Funktion machten sie zu einem Spiegelbild des 19. Jahrhunderts und zu einem wichtigen Kapitel in der Geschichte der Fotografie. Wenn Sie also das nächste Mal ein altes Fotoalbum durchblättern, achten Sie auf diese kleinen Schätze und erinnern Sie sich an die Zeit der "Cartomanie" und die faszinierende Geschichte der Carte de Visite.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wer hat die Carte de Visite erfunden?
Die Carte de Visite wurde 1854 vom französischen Fotografen André Adolphe Disdéri patentiert.
Warum heisst sie Carte de Visite?
Der Name stammt von der Grösse des Fotos, die einer Standard-Visitenkarte entsprach. "Carte de Visite" ist Französisch und bedeutet "Visitenkarte".
Wann war die Carte de Visite am beliebtesten?
Die Carte de Visite war in den 1860er Jahren am beliebtesten. Man schätzt, dass in dieser Zeit jährlich Hunderte Millionen Exemplare produziert wurden.
Wie kann ich eine Carte de Visite datieren?
Merkmale wie die Kartonstärke, die Form der Ecken, gedruckte Ränder, Cartouche-Rahmen, ovale Bilder und die Mode der abgebildeten Personen können bei der Datierung helfen.
Was war der Nachfolger der Carte de Visite?
Die Cabinet Card, eine grössere Version der Carte de Visite, wurde in den 1870er Jahren populär und löste die Carte de Visite als bevorzugtes Format ab.

Go up