05/04/2023
Wer kennt es nicht? Auf Autofahrten oder Spaziergängen begegnet man immer wieder Grünstreifen entlang von Straßen und Wegen. Oftmals werden diese als „unordentlich“ oder gar als lästig wahrgenommen, besonders wenn Gräser über Gehwegplatten wuchern oder Verkehrsinseln zuwachsen. Doch was viele nicht wissen: Das sogenannte Straßenbegleitgrün ist viel mehr als nur schmückendes Beiwerk. Es hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Rückzugsort für Tiere und Pflanzen entwickelt und spielt eine entscheidende Rolle im Naturschutz.

- Was genau ist Straßenbegleitgrün?
- Die ökologische Bedeutung des Straßenbegleitgrüns
- Pflege und Kosten des Straßenbegleitgrüns
- Positive Beispiele und Lösungsansätze
- Herausforderungen und Probleme
- Fazit: Straßenbegleitgrün ist wertvoll und schützenswert
- FAQ – Häufig gestellte Fragen zum Straßenbegleitgrün
Was genau ist Straßenbegleitgrün?
Der Begriff Straßenbegleitgrün umfasst alle Grünflächen, die sich an Straßen, Wegen und Parkplätzen befinden. Dazu gehören verschiedene Elemente wie:
- Bäume: Sie spenden Schatten, verbessern das Klima und bieten Lebensraum für Vögel und Insekten.
- Buschwerk: Dichte Büsche dienen als Sichtschutz, Windschutz und bieten Nistplätze für Vögel sowie Schutz für Kleintiere.
- Gräser: Sie stabilisieren den Boden, verhindern Erosion und bilden die Grundlage für viele Insektenarten.
- Blütenstauden: Bunte Blumenwiesen erfreuen nicht nur das Auge, sondern sind auch eine wichtige Nahrungsquelle für Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten.
Straßenbegleitgrün erfüllt verschiedene Funktionen. Es dient als Blendschutz für Autofahrer, stabilisiert Böschungen, dämpft den Verkehrslärm und hilft, den Straßenverlauf optisch zu betonen. Darüber hinaus trägt es dazu bei, dass sich Straßen harmonischer in die Landschaft einfügen. Doch seine ökologische Bedeutung wird oft unterschätzt.
Die ökologische Bedeutung des Straßenbegleitgrüns
In den letzten Jahrzehnten sind artenreiche Wildblumenwiesen in Deutschland immer seltener geworden. Intensive Landwirtschaft und der Einsatz von Düngemitteln haben viele dieser wertvollen Lebensräume zerstört. Umso wichtiger werden die Grünstreifen am Straßenrand als Refugium für gefährdete Pflanzen und Tiere.
Früher waren bunte Wiesen, die nur einmal im Jahr zur Heuernte gemäht wurden, ein vertrauter Anblick. Heute dominieren intensiv bewirtschaftete Grünflächen, auf denen Silage für die Tierfütterung produziert wird. Diese modernen landwirtschaftlichen Praktiken haben dazu geführt, dass ungedüngte, artenreiche Wildblumenwiesen zu einer Rarität geworden sind. Experten wie Thomas Hövelmann vom NABU betonen, dass die traditionelle Heuwirtschaft kaum noch praktiziert wird.
Gerade auf den mageren Böden der Straßenränder finden spezialisierte Tier- und Pflanzenarten ideale Bedingungen. Zwar wird der unmittelbare Bereich am Straßenrand, das sogenannte Bankett, aus Sicherheitsgründen häufiger gemäht, aber dahinter bleibt das Grün oft ungedüngt und wird nur ein- bis zweimal jährlich geschnitten. Dies ermöglicht die Entwicklung artenreicher Wiesengesellschaften. Hochwachsende Gräser, durchsetzt mit Wiesensalbei, Margeriten, Kuckucks-Lichtnelken und anderen Wildblumen, bieten eine reich gedeckte Tafel für Insekten. Diese wiederum locken Vögel und Fledermäuse an und tragen so zur Artenvielfalt bei.
Pflege und Kosten des Straßenbegleitgrüns
Die Pflege von Straßenbegleitgrün ist ein Balanceakt. Einerseits soll es ökologisch wertvoll sein und als Lebensraum dienen, andererseits muss es verkehrssicher und optisch ansprechend sein. Und natürlich spielt auch der Kostenfaktor eine wichtige Rolle. Städte, Gemeinden und Kreise stehen oft unter finanziellem Druck, was sich auch auf die Grünpflege auswirkt.
Die Kosten für die Pflege von Straßenbegleitgrün können stark variieren. Ein Beispiel: Die Stadt Solingen gibt etwa 1,45 Euro pro Quadratmeter und Jahr für die Pflege aus. Bei einer Gesamtfläche von fast einer Million Quadratmetern summiert sich dies auf 1,4 Millionen Euro jährlich. Im Vergleich dazu investiert der Hamburger Bezirk Altona nur 23 Cent pro Quadratmeter und Jahr. Der bundesweite Durchschnitt liegt laut einer Studie bei etwa 2 Euro pro Quadratmeter. Es zeigt sich ein deutliches Süd-Nord-Gefälle bei den Ausgaben.
NABU-Experte Hövelmann beobachtet einen bundesweiten Trend zu schlechterer Grünpflege aufgrund von Sparmaßnahmen. „Die wirtschaftlich günstigste Lösung ist nicht unbedingt auch die ökologisch beste“, kritisiert er. Oftmals wird das Schnittgut nach dem Mähen abgesaugt, was nicht nur Pflanzenteile, sondern auch Insekten, Kleintiere und Samen entfernt. Auch zu frühes Mähen, beispielsweise schon Ende Mai, verhindert die Samenbildung vieler Pflanzen. Die Folge: Blühpflanzen verschwinden nach und nach, und es entsteht eine monotone, „grüne Hölle“.
Positive Beispiele und Lösungsansätze
Es gibt jedoch auch Kommunen, die zeigen, dass ökologische und kosteneffiziente Grünpflege möglich ist. Ein Vorbild ist die Stadt Münster in Westfalen. Dort engagieren sich freiwillige Helfer der NABU-Naturschutzstation Münsterland, um besonders wertvolles Straßenbegleitgrün ökologisch zu pflegen. Sie mähen die Flächen, rechen das Mahdgut zusammen und transportieren es ab. Ziel ist es, ein flächendeckendes Netz artenreicher Weg- und Straßenränder in der Stadt zu etablieren.
Auch andere Gemeinden setzen auf eine naturnahe Pflege. Dazu gehören:
- Spätere Mahdtermine: So können Pflanzen aussamen und Insekten haben länger Nahrung.
- Verzicht auf Düngemittel und Pestizide: Dies fördert die Artenvielfalt und schont die Umwelt.
- Mahdgutabfuhr: Das Entfernen des Schnittguts magert den Boden aus und begünstigt magerkeitsliebende Arten.
- Bürgerbeteiligung: Einbeziehung von Bürgern und Naturschutzgruppen in die Pflege.
Herausforderungen und Probleme
Neben den finanziellen und pflegetechnischen Herausforderungen gibt es weitere Probleme, die das Straßenbegleitgrün bedrohen. Ein zunehmendes Problem ist die illegale Ausdehnung von Ackerflächen. Landwirte pflügen Randstreifen an Feldwegen um und vergrößern so ihre Anbauflächen auf Kosten öffentlicher Grünflächen. Im Kreis Coesfeld wurden beispielsweise 80 Hektar solcher illegal beackerter Flächen festgestellt, im Kreis Steinfurt sollen es sogar 400 Hektar sein. Die Behörden versuchen, dem entgegenzuwirken, beispielsweise durch das Aufstellen von Pflöcken an den Ackergrenzen.
Fazit: Straßenbegleitgrün ist wertvoll und schützenswert
Straßenbegleitgrün ist mehr als nur ein ungeliebtes Nebenprodukt unserer Infrastruktur. Es ist ein wertvoller Lebensraum für viele Pflanzen- und Tierarten und spielt eine wichtige Rolle im Naturschutz. Eine ökologische Pflege, die auf späte Mahdtermine, Verzicht auf Dünger und Pestizide sowie Mahdgutabfuhr setzt, kann dazu beitragen, die Artenvielfalt zu fördern und die ökologische Funktion des Straßenbegleitgrüns zu erhalten und zu verbessern. Auch die Bürgerbeteiligung und eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Bedeutung dieser oft übersehenen Natur am Straßenrand sind entscheidend für den Schutz und die Aufwertung des Straßenbegleitgrüns.
FAQ – Häufig gestellte Fragen zum Straßenbegleitgrün
- Was kann ich als Bürger tun, um das Straßenbegleitgrün zu unterstützen?
- Sie können sich in Ihrer Gemeinde für eine ökologische Pflege des Straßenbegleitgrüns einsetzen, beispielsweise durch Anfragen bei der Gemeindeverwaltung oder durch die Teilnahme an Naturschutzaktionen. Melden Sie illegale Ausdehnungen von Ackerflächen an die zuständigen Behörden. Informieren Sie sich über lokale Naturschutzgruppen und engagieren Sie sich ehrenamtlich.
- Warum ist es wichtig, das Mahdgut abzutransportieren?
- Der Abtransport des Mahdguts ist wichtig, um den Boden auszumagern. Magerböden sind Lebensräume für viele spezialisierte Pflanzenarten, die auf nährstoffreichen Böden nicht konkurrenzfähig wären. Zudem verhindert der Abtransport die Anreicherung von Nährstoffen im Boden, was das Wachstum von Gräsern und wenigen dominanten Arten begünstigen würde, während die Vielfalt abnimmt.
- Welche Pflanzenarten sind typisch für artenreiches Straßenbegleitgrün?
- Typische Pflanzenarten sind beispielsweise Margeriten, Wiesensalbei, Kuckucks-Lichtnelken, Wegerich, Straußblütiger Ampfer, Hundszunge, Graukresse und Geruchlose Kamille. Die genaue Artenzusammensetzung hängt jedoch von den Standortbedingungen und der Pflege ab.
