29/09/2024
„Babylon Berlin“ hat das deutsche Fernsehen revolutioniert und ein weltweites Publikum in das Berlin der späten 1920er Jahre entführt. Die Serie, unter der Regie von Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten, basiert auf den Romanen von Volker Kutscher und zeichnet ein opulentes und düsteres Bild der Weimarer Republik. Doch wie viel Wahrheit steckt in diesem aufwendigen Historienepos? Ist „Babylon Berlin“ eine wahre Begebenheit oder reine Fiktion?
Die Abbildungsebene: Detailverliebtheit und Authentizität
Ein prägnantes Beispiel für die Detailverliebtheit der Serie ist die Szene im Romanischen Café in der dritten Staffel. Das Café, ein real existierender Treffpunkt des intellektuellen Berlins, wurde mit beeindruckender Akribie nachgebildet. Von den Marmorbögen über die Kellner in weißen Jacken bis hin zu den historischen Zeitungen – alles scheint zu stimmen. Selbst die Streichholzschachteln des Romanischen Cafés sind authentisch gestaltet, obwohl sie kaum im Fokus der Kamera stehen. Diese „Oberflächengenauigkeit“, wie Friedrich Knilli es nennt, dient nicht nur dem Schauwert, sondern auch der Authentizitätserwartung des Publikums.

Die Macher von „Babylon Berlin“ scheuen keine Kosten und Mühen, um eine überzeugende Illusion der 1920er Jahre zu erschaffen. Kostüme, Ausstattung und Bildsprache sind bis ins kleinste Detail recherchiert und umgesetzt. Dieses Engagement für Authentizität geht so weit, dass Komparsen historische Unterwäsche tragen und Zeitungen verwendet werden, die dem Datum der jeweiligen Szene entsprechen. Diese Detailversessenheit, die an Pedanterie grenzen mag, ist ein wesentliches Merkmal der Serie und trägt maßgeblich zu ihrem immersiven Charakter bei.
Das hohe Produktionsbudget, das „Babylon Berlin“ zur teuersten deutschen Fernsehproduktion aller Zeiten macht, ermöglicht diese aufwendige Ausstattung und die damit verbundene Freiheit für Regie und Kamera. Es entsteht eine Filmwelt, in der alles vorhanden ist und die Geschichte sich scheinbar endlos fortsetzen könnte. In dieser Hinsicht nähert sich die Serie den Romanvorlagen von Volker Kutscher an, auch wenn sie in der dramaturgischen Umsetzung oft eigene Wege geht.
Das Geschichtsbild: Fiktion und historische Plausibilität
Trotz der beeindruckenden Detailtreue nimmt sich „Babylon Berlin“ Freiheiten in Bezug auf die historische Genauigkeit. Der Tod Gustav Stresemanns in der Serie weicht vom tatsächlichen Ablauf ab, und auch die Schwarze Reichswehr und der Expressionismus erscheinen im Jahr 1929 historisch etwas verfrüht. Diese Abweichungen von den Fakten sind jedoch meist dramaturgischen Erfordernissen geschuldet und dienen der Zuspitzung der Handlung.
Auch im Umgang mit historischen Personen vermischt „Babylon Berlin“ Realität und Fiktion. Neben fiktiven Hauptfiguren wie Gereon Rath und Charlotte Ritter treten historische Persönlichkeiten unter leicht veränderten Namen oder mit ihren echten Namen auf. So werden aus Thyssen Nyssen, aus Seeckt Seegers und aus Horst Wessel Horst Kessler. Gleichzeitig begegnen wir aber auch Gustav Stresemann, Paul von Hindenburg und Ernst Gennat unter ihren korrekten Namen. In der dritten Staffel nimmt die Zahl der historischen Persönlichkeiten sogar noch zu, was die zunehmende Verflechtung der fiktiven Handlung mit realen historischen Ereignissen unterstreicht.
Im Gegensatz zu den Romanvorlagen von Volker Kutscher greifen die Protagonisten der Serie aktiv in die „große Geschichte“ ein und beeinflussen historische Ereignisse wie den „Blutmai“ und den Börsencrash von 1929. „Babylon Berlin“ thematisiert wichtige Prozesse der Weimarer Republik, wie die Emanzipation der Frauen, den Aufstieg der Moderne und die Verschwörung der „Konservativen Revolution“ mit der Schwerindustrie und der NSDAP. Diese Themen verleihen der Serie eine beunruhigende Aktualität und machen sie zu mehr als nur einem historischen Krimi.

Olaf Guercke spricht in diesem Zusammenhang von „historischer Triftigkeit“ und betont, dass es weniger um objektive Wahrheit als um die Vereinbarkeit der Erzählung mit einer plausiblen Rekonstruktion der Geschichte geht. Wichtiger als die Detailkritik ist die historische Plausibilität der Handlung im Großen und Ganzen. Die Serie will kein Geschichtsbuch ersetzen, sondern ein glaubwürdiges und dramatisches Bild der Weimarer Republik zeichnen, das zum Nachdenken anregt.
Bild im Bild: Visual History und die Macht der Bilder
„Babylon Berlin“ ist nicht nur Teil einer aktuellen „Erinnerungskultur“, die die Weimarer Republik wiederentdeckt, sondern thematisiert auch die Produktion und Rezeption von Bildern innerhalb der Serie selbst. Das „Bilder machen“ ist ein wiederkehrendes Motiv, von der Razzia im Pornostudio bis zum Filmdreh in Babelsberg. Die Serie reflektiert damit ihr eigenes Verhältnis zu historischen Vorlagen und aktuellen Bildtraditionen.
Die erste Begegnung von Gereon Rath und Charlotte Ritter am Paternoster im Polizeipräsidium ist beispielhaft für diesen innerdiegetischen Bildgebrauch. Die ausgetauschten Fotografien von Pornografie und Mord verdeutlichen die düstere und lasterhafte Seite Berlins in den 1920er Jahren. Gleichzeitig etablieren sie eine Verbindung zwischen den beiden Protagonisten und weisen auf die zentralen Themen der Serie hin: Sex und Verbrechen. Die Bilder werden zum Kommunikationsmittel und sogar zur „harten Währung“, als Gereon sie gegen Morphium tauscht.
„Babylon Berlin“ arbeitet sich an unseren Geschichtsbildern der Weimarer Republik ab und erschafft sie gleichzeitig neu. Die Serie bedient sich bekannter visueller Motive und füllt gleichzeitig historische Bildlücken. Der Tod Stresemanns beim Frühstück, von dem keine Bilder existieren, steht im Kontrast zu den aufwendig reproduzierten Aufnahmen seines Staatsbegräbnisses. Diese Gegenüberstellung verdeutlicht die Macht der Bilder und die Art und Weise, wie sie unsere Wahrnehmung der Geschichte prägen.
Fazit
„Babylon Berlin“ ist keine Dokumentation, sondern eine fiktionale Serie, die sich jedoch intensiv mit der historischen Realität der Weimarer Republik auseinandersetzt. Die Serie verbindet detailgetreue Ausstattung mit dramaturgischer Freiheit und schafft so ein faszinierendes und beunruhigendes Bild einer Epoche des Umbruchs und des Untergangs. Auch wenn „Babylon Berlin“ nicht jede historische Tatsache exakt abbildet, so gelingt es ihr doch, die „historische Triftigkeit“ zu wahren und ein glaubwürdiges Geschichtsbild zu vermitteln. Die Serie regt zur Auseinandersetzung mit der Weimarer Republik an und trägt dazu bei, dieses wichtige Kapitel der deutschen Geschichte einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Sie ist mehr als nur Unterhaltung – sie ist ein Stück Visual History, das unser Verständnis der Vergangenheit nachhaltig prägen wird.
