05/02/2023
Polyploidie, ein Begriff aus der Genetik, beschreibt den Zustand, bei dem Zellen oder Organismen mehr als zwei Chromosomensätze besitzen. Während Diploidie, also zwei Chromosomensätze, der Normalzustand vieler Lebewesen ist, stellt Polyploidie eine Vervielfachung dieses Satzes dar. Dieses Phänomen ist besonders in der Pflanzenwelt weit verbreitet und spielt eine bedeutende Rolle in der Evolution und Züchtung von Pflanzen. Schätzungen zufolge sind über 80 Prozent der heutigen Pflanzenarten polyploid, bei Farnen sogar bis zu 95 Prozent. Wir wollen in diesem Artikel die verschiedenen Facetten der Polyploidie bei Pflanzen beleuchten, von den unterschiedlichen Formen und Entstehungsmechanismen bis hin zu den Vor- und Nachteilen und der künstlichen Erzeugung in der Pflanzenzüchtung.

Formen der Polyploidie: Auto- und Allopolyploidie
Grundsätzlich unterscheidet man zwei Hauptformen der Polyploidie: die Autopolyploidie und die Allopolyploidie. Die Unterscheidung basiert auf der Herkunft der zusätzlichen Chromosomensätze.
Allopolyploidie: Chromosomensätze verschiedener Arten vereint
Allopolyploidie tritt auf, wenn Chromosomensätze von verschiedenen Arten in einem Organismus zusammenkommen. Dies geschieht typischerweise durch die Kreuzung zweier verwandter Arten. Obwohl solche Artkreuzungen oft sterile Nachkommen hervorbringen, da die Chromosomenpaarung während der Meiose gestört ist, kann in einigen Fällen eine Polyploidisierung des Chromosomensatzes erfolgen. Stellen Sie sich vor, zwei verschiedene, aber verwandte Pflanzenarten kreuzen sich. Der Hybrid, der dabei entsteht, könnte zunächst steril sein. Kommt es aber zu einer Verdopplung des gesamten Chromosomensatzes dieses Hybriden, kann Allopolyploidie entstehen. Wenn die Chromosomen der ursprünglichen Elternarten ausreichend unterschiedlich sind, können sich die jeweils doppelten Chromosomensätze der väterlichen und mütterlichen Herkunft korrekt paaren. Dies führt dazu, dass der Nachkomme fruchtbar wird und möglicherweise eine neue, konstante Bastardart entsteht. In genetischer Hinsicht ähnelt diese Situation einer Diploidie.
Allerdings, wenn die Chromosomen der Elternarten sehr ähnlich sind, kann es bei der Meiose zu Verwechslungen bei der Chromosomenpaarung kommen, was zu eingeschränkter Fruchtbarkeit oder sogar Sterilität der Nachkommen führen kann.
Die Allopolyploidie ist in bestimmten Pflanzengattungen recht verbreitet. Bekannte Beispiele sind:
- Tabak (Nicotiana)
- Baumwolle (Gossypium)
- Nachtschatten (Solanum)
- Einige Kreuzblütler, wie Raps
- Viele Süßgräser
- Weizen (Triticum): Hier gibt es diploide Arten (Einkorn), allotetraploide Arten (Emmer, Hartweizen) und sogar allohexaploide Arten (Dinkel, Saatweizen). Beim Saatweizen sind sogar drei verschiedene Arten an der Entstehung beteiligt. Insgesamt sind über 40 verschiedene allopolyploide Weizenformen bekannt, beim Tabak sogar etwa 60. Die Chromosomenzahlen dieser polyploiden Formen reichen von 36 bis 144!
Autopolyploidie: Vervielfachung innerhalb einer Art
Im Gegensatz zur Allopolyploidie basiert die Autopolyploidie auf der Vervielfachung von Chromosomensätzen innerhalb derselben Art. Autopolyploide Pflanzen zeichnen sich oft durch größere Zellen aus, da das Kernvolumen mit der Anzahl der Chromosomensätze zunimmt. Dies kann sich in größeren Blüten äußern, was in der Pflanzenzüchtung genutzt wird. Wenn Polyploidie nur in einzelnen Körperzellen (somatischen Zellen) auftritt, spricht man von Endopolyploidie. Nur wenn die Polyploidie in den Keimzellen auftritt (Keimbahnpolyploidie), kann sie an die Nachkommen weitergegeben werden.
Entstehung der Autopolyploidie: Fehler in der Zellteilung
Autopolyploidie entsteht durch Fehler bei der Zellteilung, genauer gesagt bei der Meiose (Reifeteilung). Normalerweise führt die Meiose zur Reduktion des Chromosomensatzes, sodass haploide Gameten (Keimzellen) entstehen. Wenn jedoch die Reduktionsteilung ausfällt, entstehen diploide Gameten anstelle von haploiden.

- Verschmelzen zwei diploide Gameten bei der Befruchtung, entsteht eine tetraploide Zygote.
- Verschmilzt ein diploider Gamet mit einem normalen haploiden Gameten, entsteht eine triploide Zygote. Triploidie ist bei Pflanzen relativ häufig.
Triploide Pflanzen können in ihrer Vitalität und Leistungsfähigkeit diploiden Pflanzen sogar überlegen sein. In der Pflanzenzucht werden triploide Pflanzen daher manchmal bevorzugt, müssen aber meist vegetativ vermehrt werden, da sie oft steril sind (siehe unten). Ein Beispiel für eine wichtige Kulturpflanze, die oft triploid ist, ist die Zuckerrübe, die durch Kreuzung diploider und tetraploider Eltern entsteht.
Endopolyploidie: Polyploidie in einzelnen Geweben
Endopolyploidie ist eine spezielle Form der Polyploidie, bei der nur bestimmte Gewebe oder Zellen eines Organismus polyploid sind. Beispiele hierfür sind die Brennhaare der Brennnessel oder die Megakaryozyten (Vorläufer der Blutplättchen) im menschlichen Knochenmark. Endopolyploide Zellen entstehen durch Endomitose oder Endoreduplikation. Dabei werden die Chromatiden verdoppelt, aber der Zellkern teilt sich nicht. Diese Form der Polyploidie wird auch als somatische Polyploidie bezeichnet, da sie auf Körperzellen beschränkt ist und nicht die Keimbahn betrifft. Endopolyploidie tritt oft in Zellen mit hohen Stoffwechselleistungen auf. Eine besondere Form der Endopolyploidie sind die Polytänchromosomen, die in Speicheldrüsen von Insektenlarven vorkommen.
Vor- und Nachteile der Polyploidie
Polyploidie kann für Pflanzen sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringen:
Vorteile: Erhöhte Vitalität und größere Organe
Ein häufiger Vorteil der Polyploidie bei Pflanzen ist eine erhöhte Vitalität. Durch die Vervielfachung des Genoms können Prozesse wie die Proteinbiosynthese verstärkt und schneller ablaufen, da die Transkription parallel an mehreren Kopien der Gene stattfinden kann. Dies kann zu einer schnelleren Bildung von Proteinen, einschließlich wichtiger Enzyme, führen. Außerdem können polyploide Pflanzen größere Organe ausbilden, wie zum Beispiel größere Blüten oder Früchte, was in der Züchtung von Zier- und Nutzpflanzen von Interesse ist.
Nachteile: Sterilität und Instabilität
Ein Nachteil von Polyploidie kann Sterilität sein, insbesondere bei triploiden Organismen. Da bei der Meiose nicht immer eine korrekte Chromosomenpaarung erfolgen kann, werden oft unbalancierte Gameten gebildet, die nicht lebensfähig sind. Diese Sterilität kann in manchen Fällen in der Pflanzenzucht erwünscht sein, zum Beispiel bei samenlosen Früchten. Allerdings kann Polyploidie auch zu genetischer Instabilität führen. Bei der Vermehrung polyploider Pflanzen können immer wieder Pflanzen mit abweichenden Chromosomenzahlen entstehen (Aneuploidie), was die Stabilität der Sorte beeinträchtigen kann.
Polyploidie als Motor der Artbildung
Interessanterweise kann Polyploidie auch eine Rolle bei der Artbildung spielen. Sie kann als genetische Barriere wirken und zur Entstehung neuer Arten beitragen, sogar ohne geografische Isolation (sympatrische Artbildung). Wenn sich polyploide Pflanzen nicht mehr erfolgreich mit diploiden Pflanzen kreuzen können, können sie sich zu einer eigenständigen Art entwickeln.

Künstliche Erzeugung von Polyploidie in der Pflanzenzüchtung
In der Pflanzenzüchtung wird Polyploidie gezielt eingesetzt, um Pflanzen mit gewünschten Eigenschaften zu erzeugen. Ein gängiges Verfahren ist die chemische Induktion von Polyploidie. Substanzen wie Colchicin (aus der Herbstzeitlose) oder 8-Hydroxychinolin können die Bildung der Mikrotubuli, die für den Spindelapparat während der Zellteilung wichtig sind, hemmen. Dadurch wird die Chromosomenseparierung während der Mitose verhindert, und es entstehen Zellen mit verdoppeltem Chromosomensatz.
Diese Methoden werden beispielsweise eingesetzt, um kräftigere und ertragreichere Getreidesorten oder verbesserte Gemüsesorten zu züchten. In der ehemaligen DDR wurden in den 1970er Jahren tetraploide Sorten von Spargel (`Eros`) und Radieschen (`Certina`) durch Polyploidiezüchtung entwickelt. Allerdings erwies sich der tetraploide Zustand in diesen Fällen als nicht dauerhaft stabil, und die Methode konnte sich nicht dauerhaft durchsetzen, da es bei der Vermehrung immer wieder zu Pflanzen mit abweichenden Chromosomenzahlen kam.
Fazit
Polyploidie ist ein faszinierendes und wichtiges genetisches Phänomen, das besonders in der Pflanzenwelt von großer Bedeutung ist. Sie trägt zur genetischen Vielfalt bei, kann die Vitalität und Größe von Pflanzen verbessern und spielt eine Rolle in der Evolution und Artbildung. In der Pflanzenzüchtung wird Polyploidie gezielt eingesetzt, um Pflanzen mit verbesserten Eigenschaften zu entwickeln, obwohl die Stabilität polyploider Sorten nicht immer gewährleistet ist. Die Erforschung der Polyploidie trägt weiterhin dazu bei, die komplexen genetischen Mechanismen und die Anpassungsfähigkeit von Pflanzen besser zu verstehen.
FAQ: Häufig gestellte Fragen zur Polyploidie
Welche Beispiele gibt es für Polyploidie?
Viele wichtige Kulturpflanzen sind polyploid. Beispiele sind:
- Weizen (allopolyploid, verschiedene Ploidiegrade)
- Baumwolle (allopolyploid)
- Tabak (allopolyploid)
- Raps (allopolyploid)
- Zuckerrübe (triploid oder tetraploid)
- Viele Zierpflanzen, die aufgrund größerer Blüten polyploid gezüchtet werden.
Wie entsteht Autopolyploidie?
Autopolyploidie entsteht durch Fehler bei der Zellteilung (Meiose), bei der die Chromosomen nicht korrekt getrennt werden (Non-Disjunction). Dies führt zur Bildung von diploiden Gameten. Verschmelzen zwei diploide Gameten, entsteht eine tetraploide Zygote. Verschmilzt ein diploider mit einem haploiden Gameten, entsteht eine triploide Zygote.
Ist Polyploidie lebensfähig?
Ja, Polyploidie ist bei Pflanzen durchaus lebensfähig und sogar häufig. Sie kann sogar Vorteile wie erhöhte Vitalität und größere Organe mit sich bringen. Bei Tieren ist Polyploidie in den meisten Fällen jedoch letal. In der Pflanzenzüchtung wird Polyploidie genutzt, um Sorten mit verbesserten Eigenschaften zu erzeugen, wobei die Stabilität und Fruchtbarkeit der polyploiden Pflanzen berücksichtigt werden müssen.
