27/09/2024
Der Spruch „Jung verfärbt zuerst“ ist ein alter Jägerspruch, der sich auf das Verfärben des Rehwildes bezieht. Gerade bei der spannenden Bockjagd im Frühjahr und Sommer, wenn die Rehe ihr Winterfell gegen das Sommerfell tauschen, spielt dieser Spruch eine Rolle. Aber was bedeutet er genau und wie zuverlässig ist er beim Ansprechen von Rehböcken wirklich?

Was bedeutet „Jung verfärbt zuerst“?
Dieser Spruch beschreibt die Beobachtung, dass junge Rehböcke, insbesondere Jährlinge, im Frühjahr früher ihr Winterfell verlieren und ihr rotbraunes Sommerfell anlegen als ältere Rehböcke. Ältere Böcke hingegen behalten ihre graue Winterdecke oft länger und verfärben sich später. Dies liegt an unterschiedlichen physiologischen Prozessen und dem Hormonhaushalt, der bei jungen Tieren anders reguliert ist als bei alten.
Warum ist das Verfärben für die Bockjagd wichtig?
Das Ansprechen, also die korrekte Identifizierung des Wildes vor dem Schuss, ist ein zentraler Aspekt der verantwortungsvollen Jagd. Gerade bei der Bockjagd ist es wichtig, nicht nur Böcke von Geißen zu unterscheiden, sondern auch das Alter der Böcke einschätzen zu können. Der Spruch „Jung verfärbt zuerst“ kann dabei ein erster Hinweis sein, sollte aber nicht das einzige Kriterium sein.

Das richtige Ansprechen von Rehböcken
Sicheres Ansprechen schützt vor Fehlabschüssen und trägt zur nachhaltigen Bewirtschaftung des Rehwildbestandes bei. Neben dem Zeitpunkt des Verfärbens spielen weitere Merkmale eine Rolle, um einen Rehbock korrekt anzusprechen:
Merkmale zur Altersbestimmung beim Rehbock
Es gibt verschiedene Anhaltspunkte, die Jäger beim Ansprechen von Rehböcken berücksichtigen:
Der einjährige Rehbock (Jährling)
- Verfärben: Verfärbt sich als erster im Frühling und zeigt ein auffällig rotbraunes Fell.
- Körperbau: Wirkt jugendlich und schlank. Der Träger (Hals) ist dünn und lang, wird oft hoch getragen. Der Kopf erscheint schmal und das Gesicht ist eher braun gefärbt. Jährlinge wirken oft hochläufig.
- Hauptschmuck (Geweih): Schiebt sein Geweih sehr spät und fegt es meist erst im Juni. Oftmals handelt es sich um ein Spießergeweih oder ein schwaches Gablergeweih.
- Verhalten: Ist oft unvorsichtig, neugierig und verspielt. Hält sich noch in der Nähe der Muttergeiß und der Geschwister auf.
Der zwei- bis dreijährige Rehbock (Mittelklasse)
- Verfärben: Verfärbt sich etwas später als der Jährling.
- Körperbau: Der Träger ist bereits stärker, wird aber nicht mehr so hoch getragen. Die Vorderläufe stehen noch relativ eng beieinander. Das Gesicht kann auffallend bunt sein, oft mit einem weißen Muffelfleck (zweijährig) der sich später auflöst (dreijährig).
- Hauptschmuck (Geweih): Schiebt sein Geweih früh und fegt es im April oder Mai. Das Geweih ist meist stärker als beim Jährling, oft ein Sechser oder Achter.
- Verhalten: Steht bereits allein, ist aber noch relativ unvorsichtig.
Der vier- bis fünfjährige Rehbock und älter (Ier-Bock/Erntebock)
- Verfärben: Verfärbt sich sehr spät und kann Anfang Juni noch grau im Winterfell sein.
- Körperbau: Wirkt kräftig und gedrungen. Der Träger ist stark und wird fast waagrecht getragen. Die Vorderläufe stehen breit, oft mit einem deutlichen Vorschlag (Brustansatz).
- Hauptschmuck (Geweih): Wirft sein Geweih bereits Ende Oktober ab und schiebt es daher früh. Anfang April ist es meist schon blank gefegt. Oftmals handelt es sich um ein starkes, kapitales Geweih.
- Verhalten: Ist sehr misstrauisch und vorsichtig. Duldet keine jüngeren Böcke in seiner Nähe und vertreibt sie. Tritt oft erst spät aus seinem Tageseinstand aus.
Das weibliche Rehwild (Geiß und Schmalreh) ansprechen
Auch beim weiblichen Rehwild ist das Ansprechen wichtig, insbesondere um führende Ricken (Geißen mit Kitzen) zu schonen. Das Alter von Geißen ist schwieriger einzuschätzen als bei Böcken. Hier orientiert man sich vor allem am Körperbau und der Figur:
- Schmalreh: Hat eine jugendliche Körperform, einen dünnen Träger und ein junges, feines Gesicht.
- Ältere Geiß: Wirkt kräftiger und kantiger, oft mit leicht eingefallenen Flanken (Nierenstich).
- Führende Ricke: Kann durch ihr Verhalten erkannt werden, z.B. wenn sie Kitzfiepen von sich gibt oder sehr aufmerksam und unruhig wirkt, wenn sich Kitze in der Nähe befinden könnten. Allerdings ist das Kitzfiepen nicht immer hörbar und Kitze halten sich oft versteckt.
Vorsicht vor Fehlschlüssen!
Auch wenn der Spruch „Jung verfärbt zuerst“ eine gewisse Tendenz beschreibt, sollte man sich nicht blind darauf verlassen. Es gibt immer wieder Ausnahmen und individuelle Unterschiede. Manche ältere Böcke verfärben sich auch früher, während manche Jährlinge länger im Winterfell bleiben können. Auch der Gesundheitszustand und die Kondition des Rehes können das Verfärben beeinflussen.

Wichtig ist: Das sichere Ansprechen erfordert Erfahrung, Übung und die Berücksichtigung aller relevanten Merkmale. In unklaren Situationen gilt immer der Grundsatz: Finger gerade lassen! Ein Fehlabschuss ist nicht nur unethisch, sondern kann auch negative Auswirkungen auf den Rehwildbestand haben.
Häufige Fragen zum Ansprechen von Rehböcken
Wie erkenne ich einen alten Bock?
Neben dem späten Verfärben gibt es weitere Anzeichen für einen alten Bock. Das Gesicht kann Hinweise geben: Oftmals haben alte Böcke viel graues Haar auf dem Haupt, insbesondere um die Augen (die „Brille“) und auf dem Nasenrücken. Das Gesicht wirkt dann fahl, verwaschen und stumpf. Jüngere Böcke haben oft eine kontrastreichere, scharf gezeichnete Gesichtsmaske.

Was ist ein Dreierbock?
Der Begriff „Dreierbock“ bezieht sich auf die Altersklasse, nicht auf die Geweihform. In der Jagdsprache werden Rehböcke oft in drei Altersklassen eingeteilt:
- Ier-Böcke (Ernteböcke): Böcke ab dem vollendeten 5. Lebensjahr.
- IIer-Böcke (Mittelklasse): Böcke vom vollendeten 2. bis zum vollendeten 5. Lebensjahr.
- IIIer-Böcke (Jährlinge): Böcke bis zum vollendeten 2. Lebensjahr. Diese werden auch als Jährlinge bezeichnet.
Ein „Dreierbock“ ist also ein Jährling, der in die dritte Altersklasse (IIIer-Bock) fällt. Der Abschussplan sieht vor, dass ein Großteil des Rehwildabschusses auf diese Altersklasse entfallen soll, um eine gesunde Bestandesstruktur zu gewährleisten.

Fazit
Der Spruch „Jung verfärbt zuerst“ kann ein nützlicher Anhaltspunkt beim Ansprechen von Rehböcken sein, sollte aber immer im Zusammenhang mit anderen Merkmalen und der persönlichen Erfahrung des Jägers betrachtet werden. Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein beim Ansprechen sind entscheidend für eine erfolgreiche und ethische Bockjagd. Wer unsicher ist, sollte im Zweifelsfall auf den Schuss verzichten und das Wild ziehen lassen. Denn das sichere Ansprechen steht immer an erster Stelle.
